Großbuchstaben im Kopf

Oder: Warum ich nicht nichts tun kann

Ganz ehrlich: Der Alltag mit zwei Kleinkindern hat mich in letzter Zeit überfordert. Nicht unbedingt, weil so viel Arbeit zu erledigen war, sondern vorrangig, weil meine Sinne so sehr überreizt waren, dass es nicht mehr möglich war, sie durch ein paar Stunden Auszeit zwischendurch und Auslagern der alltäglich zu erledigenden Dinge zu regenerieren. Ich bin (introvertiert) hochsensibel und das bedeutet, dass ich jedes Geräusch, jede Emotion, jedes Wort, jede Berührung um ein Vielfaches verstärkt wahrnehme und zu allem Überfluss auch noch speichere.

Ab einem bestimmten Punkt
konnte ich nicht mehr die Mama sein,
die ich sein wollte.

TRÖSTEN •  BEGLEITEN •  VERSORGEN •  KOMMUNIZIEREN •  SOZIAL INTERAGIEREN •  TERMINE EINHALTEN •  ES ANDEREN RECHT MACHEN •  ENTSCHEIDEN •  WO, WAS, WANN, WIE LANGE, WARUM ÜBERHAUPT •  MAMAAA •  ABWÄGEN •  UMDENKEN •  ARBEITEN •  SCHAFFEN •  DENKEN •  TUN •  SAGEN •  REDEN •  ÜBERHAUPT, DAUERND REDEN •  MUSIK •  SPRACHE •  GERÄUSCHE •  TÖNE •  HÖHEN •  TIEFEN •  MAAAAAMA •  ZOTTELN •  ZAPPELN •  ZERREN •  STREICHELN •  KUSCHELN •  STILLEN •  QUIETSCHEN •  KREISCHEN •  SCHREIEN •  WEINEN •  ÄRGERN •  STREITEN •  VERSÖHNEN •  MAMA •  DISKUTIEREN •  TRAURIGKEIT •  WUT •  ÄRGER •  FREUDE •  LIEBE •  SCHLAFEN •  AUFWACHEN •  MAAAAMAAA •  WIEDER EINSCHLAFEN •  AUFWACHEN •  EINSCHLAFEN •  AUFSTEHEN •  DINGE TUN •  DINGE LASSEN •  …

Mein Alltag besteht aus Großbuchstaben: Alles ist ungefähr gleich laut oder noch lauter und super schwer zu differenzieren. Grundlegend fällt es mir schwer, Prioritäten zu setzen. Alles scheint gleich wichtig und schreit nach sofortiger perfekter Erledigung. Das passiert in meinem Kopf und all meinen Nervenbahnen. Es zerreißt mich.

Es kam also der Moment, an dem ich kaum mehr fähig war, empathisch den Kindern oder meinem Mann gegenüber zu sein und zu reagieren. Beim geringsten Konflikt, ob real oder eingebildet, durch andere oder durch mich ausgelöst, blockierte ich und ging an die Decke. Ich sah wie im Wahn nur noch mein Bedürfnis, wenn überhaupt. Im absoluten Notmodus schleppte ich mich und die Kinder durch den Tag. Mein Mann fing auf, was er konnte und brach darunter fast selbst zusammen.

Ich musste raus. Wir organisierten mir einen Kurzurlaub im nahe gelegenen Wellnesshotel und Mann, Kindern und Hund bei der Oma. Kaum war die Reise gebucht (und eigentlich mag ich allein Reisen überhaupt nicht), fiel eine große Last von mir ab und ich konnte in den paar Tagen vor der Abreise entspannter mit allem, besonders aber mir selbst, umgehen. Klar, ich brauchte eine Weile, um Rabenmuttergedanken abzustreifen, aber dann sehnte ich mich so sehr nach der Stille, die reale Zukunft geworden war, dass ich bereits glaubte, sie zu fühlen. Gehirn ausgetrickst.

Sonnenuntergang über dem Weizenfeld

Urlaub in Großbuchstaben

So genoss ich also die ununterbrochene (!) Zeit, über die ich frei verfügen konnte, die ich mit Dingen füllen konnte, die ich mag, die mir gut tun. Was ich dort aber lernte: Ich kann nicht nichts tun. Mein Kopf dreht völlig durch, wenn er nicht beschäftigt wird. „SINNLOSE ZEITVERGEUDUNG, SINNLOSE ZEITVERGEUDUNG, SINNLOSE ZEITVERGEUDUNG, …“,  schreit er mich permanent an, wenn ich ihn laufen lasse.
Ein Beispiel: Beim Abendessen konnte ich meinem Kopf kein Futter geben. Ich saß und aß – und weiß nun darüber Bescheid, welche Weinsorten bei meinem Tischnachbarn Sodbrennen auslösten, welche Urlaubs-Features ihn störten und welchen Wein sich die Gäste vom übernächsten Tisch wünschten und welchen sie stattdessen serviert bekamen. Und ich werde es, verdammt, den Rest meines Lebens lang wissen. Wenn dann noch Radio dudelt, bin ich geliefert. Ohropax und Schallschutz-Kopfhörer habe ich leider zu Hause vergessen, hätte im Restaurant außerdem blöd gewirkt. Weißes (oder graues oder rosa) Rauschen über die Handy-Kopfhörer hat mir beim Lernen zu Studienzeiten gut gedient. In Gesellschaft oder gediegenem Ambiente wirkt man zwar unhöflich oder merkwürdig, ist aber vielleicht einen Versuch wert.


Blick in meinen Kopf

Ich führe keinen Small Talk. Kann ich nicht, mag ich nicht. Zu sehr bin ich damit beschäftigt, die Erwartungen des Gegenüber auszuloten und dabei noch sinnvolle Dinge zu formulieren und verständlich zu betonen. Ich genieße die Alleinzeit, fühle mich aber oft wie auf dem Präsentierteller, besonders in neuer, ungewohnter Umgebung. Das freie Entscheiden, was ich als nächstes tun möchte, das Abwägen zwischen zig Angeboten, die zu unterschiedlichen Uhrzeiten stattfinden und die Orientierung in weiträumigen Anlagen beschäftigen mich, zumindest bis eine gewisse Routine eingekehrt ist, ständig. Während der Entspannungsmassage textet mich mein Kopf permanent zu. 

WIE VERHALTE ICH MICH JETZT AM BESTEN • MERKT MAN, DASS ICH DAS NICHT SO OFT MACHE • WAS MUSS ICH JETZT SAGEN • BIN ICH HIER ÜBERHAUPT RICHTIG • SOLL ICH SAGEN, WAS ICH GERN HÄTTE • FRAGE ICH NACH EINEM TASCHENTUCH ODER LASSE ICH LAUFEN • HÄTTE ICH DOCH MAL VORHER … • OB DIE WISSEN, DASS SIE EINEN HÄSSLICHEN FUSSBODEN HABEN • IRGENDWIE NICHT SO TOLL AUF SCHMUTZFLECKEN AM BODEN ZU STARREN • IST DAS TRINKGELD ANGEMESSEN • IST SIE JETZT ANGEPISST • SOLLTE ICH MORGEN WIRKLICH NOCHMAL GEHEN • RUHEN, DUSCHEN, PEELING, UNTEN, SAUNA, NICHT, WAS??? …

Diesen Blogartikel habe ich während dessen im Kopf fertig geschrieben. Und zwei bis drei weitere angefangen. Es ist ja nicht so, dass ich keine Strategien kennen würde, die Gedanken ziehen zu lassen. Achtsamkeit, Meditation etc. kann ich, ist eine Übungssache. Sie in den Alltag einzubauen fällt mir aber verdammt schwer – ein weiteres ‚Sollte’ auf der Liste. Angeleitet funktioniert das bei mir echt gut, fehlt aber die sanfte externe Stimme, quasselt mir mein Gehirn ständig rein oder vergisst einfach die guten Vorsätze. Deshalb beschäftige ich mein Hirn gern auch in Flauten mit mehr oder weniger sinnvollen Dingen: Filme, Serien, Bücher, Blogartikel, Social Media, Chat, Projekt- oder Einrichtungsplanung, Kreuzworträtsel, … Wichtig ist, dass es irgendwo andockt, und das geht über Interesse. Berieselung ist Hölle, Beschäftigung ist Himmel. So gerne ich würde, ich kann mich nicht langweilen, es geht einfach nicht.

Schreiben hilft mir. Buchstabe an Buchstabe gereiht ergeben die Details ein schlüssiges Gesamtbild. Meistens jedenfalls. Es gibt Auszeichnungsmöglichkeiten (fett, kursiv, unterstrichen, …), Absätze, Seitenzahlen, Kapitelnummern, Überschriften … und vor allem Kleinbuchstaben. 

Gedanken in Schrift zu fassen,
ist meine Strategie – übrigens schon seit früher Kindheit –, sie aus dem Kopf zu bekommen.


Was nehme ich mit nach Hause?

Wie werde ich zukünftig meinen Alltag bewältigen, um nicht wieder an den Punkt zu kommen, an dem nichts mehr geht? Weder mich noch die Kinder oder andere Menschen kann oder will ich umformatieren. Folgendes werde ich ausprobieren:

A. Ich gestehe mir zu, wieder an diesem Punkt ankommen zu dürfen, denn die Option, mal eben für ein paar Tage allein loszuziehen, ist jetzt erprobt und steht mir offen.
B. Ich schreibe.
C. Ich nehme mir bewusst Zeit für alles, auch mich, und versuche nicht mehr, alles parallel zu erledigen oder mehrere Dinge auf einmal abzuarbeiten.
D. Social Media entschlacken, denn bestimmte Inhalte oder Diskussionen, in die ich unerwartet und unvorbereitet gerate, gehen direkt ins System.
E. Ich deponiere überall Notizbücher und Stifte – für Kinderhände unerreichbar –, damit ich auch während der Kinderzeit Gedanken rauslassen kann.
F. Maximal eine große und eine kleine Unternehmung pro Tag planen.
G. Bewusst in Groß- und Kleinbuchstaben sowie sinnvollen Gliederungen denken.
H. Den Tag grob in Themen, Kapitel und Abschnitte unterteilen. Leerseiten zur freien Gestaltung.
I. Ein paar Minuten regelmäßig in den Alltag integrieren, in denen ich sensorische Eindrücke bewusst und wertfrei wahrnehme.
J. Öfter Ohropax. Mehr weißes Rauschen.

* Für die Typografen oder Sprach-Nerds unter euch: Ich verwende hier die einfachen wie sperrigen Begriffe Groß- und Kleinbuchstaben, obwohl für mich die fachlich korrekten Begriffe Versalien/Majuskel und Gemeine/Minuskel zumindest während meiner Berufszeit als Designerin durchaus gebräuchlicher waren und mir aus perfektionistischen Gründen auch lieber wären. Seht es mir nach. Ich tue es auch.

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