Abwarten & Tee trinken

Warum ich Erziehung für mindestens unnötig halte –
eine metaphorische Annäherung

Ein Kind ist kein unbeschriebenes Blatt. Schon gar kein Buch, das gefüllt werden muss. Es ist kein toter Klumpen Lehm, der geformt, kein Behälter, der gefüllt werden will. Es muss auch nichts Überflüssiges weggekratzt werden, um irgendwas enthüllen. Ein Kind ist von der ersten Sekunde seiner Existenz vollkommen – so, wie es ist. Davon ausgehend ist Erziehung, die beispielsweise annimmt, aus einem Kind erst ein soziales Wesen machen zu müssen, mindestens gar nicht nötig.

Wenn schon Buch-Metapher: Ich lese in meinen Kindern alles über mich selbst. Das ist oft ziemlich unangenehm. Sie zeigen mir meine Schwächen und meine Stärken in aller Deutlichkeit. Vergessene Gefühle und Gedanken werden hervorgeholt, die Intensität aller Emotionen erhöht, Prioritäten verschoben. Ich lerne nicht nur meine Kinder, sondern vor allem mich selbst kennen, indem ich ihnen zuhöre und sie beobachte. Das ist so ziemlich das einzige, das ich aktiv tun muss. Alles, was ich an Aktivität aufwende, folgt aus dieser Beobachtung. In respektvoller und gleichwürdiger Behandlung. Alles andere ist weitgehend überflüssig und im ungünstigen Fall schädlich.

Kurz gesagt: Ich muss mich nicht auf den Kopf stellen, um aus dem Kind einen guten Menschen zu machen. Es wird ihm gut gehen, wenn es in seinen Bedürfnissen gesehen wird.

Das ist nicht weniger Arbeit, im Gegenteil. „Weniger Aktionismus“ soll nicht heißen „Nichts tun“. Ausruhen ja, gern zwischendurch und immer wieder, ohne schlechtes Gewissen, aber nicht auf starren Entscheidungen und Ansichten. Nicht zu erziehen bedeutet ständige Dynamik, immer neu abwägen, prüfen, reflektieren. Es braucht viel Kraft, Dinge sein zu lassen, los zu lassen. Besonders mit unserer Prägung der letzten Generationen.


Problematisch prophetisch: proaktiv

Erziehung ist proaktiv, also vorauseilend und zielgerichtet handelnd. Diese wirre Jagd nach dem unsichtbaren Schatz (der goldenen Zukunft) oder besser die Angst, ihn nie zu finden – die ewige Sorge, das Kind könne missraten – ist zermürbend für alle Beteiligten. Ich habe mich davon befreit, Ziele für meine Kinder zu definieren. Ich kenne ihre Zukunft nicht, und wer bin ich, ihnen eine basteln zu wollen. Ob X zu Y führt, kann ich nie mit Gewissheit sagen. Ich kann sie nicht auf alle Eventualitäten vorbereiten. Ihnen den „richtigen“ Weg zu weisen, fände ich anmaßend. Richtig für wen? Für wann? Das einzige, das ich tue, ist im Moment auf meine Kinder, meinen Mann und mich selbst zu schauen, ob das, was ist, gerade passt. Wenn ja, gut, wenn nicht, anders versuchen.

Ich biete Dinge an, reiche meine Hand, mache Vorschläge. Ich beschütze sie mit aller Kraft, manchmal auch mit aller Macht, und frage mich immer wieder, wo meine eigenen Ängste liegen und ob diese realistisch sind. Natürlich wünsche ich mir für meine Kinder, dass sie von Traumata verschont bleiben, im „Hellen“ bleiben, dass sie unbeschwert leben und vertrauen können, dass sie ganz sie selbst sein können, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse kennen und ausdrücken können … Vieles davon kann ich bedingt beeinflussen, sie unterstützen, durch bedürfnisorientiertes Handeln zum Beispiel und durch respektvollen Umgang miteinander. Anderes wiederum entzieht sich meiner Macht.

Ich mag den Begriff ‚proaktiv‘ überhaupt nicht. Er klingt abgedroschen, angestrengt und anmaßend. Ich würde ihn einzig dafür verwenden, dem Kind, mir selbst, der Familie und unserer Verbindung Gutes zu tun: (Selbst-)Fürsorge – echte Bedürfnisse vorsorglich und umfangreich zu befriedigen, um in Krisenzeiten davon zu zehren. Natürlich zählt auch dazu, mich um das Wohl des Kindes zu kümmern, ihm Nahrung, Kleidung, Liebe und Pflege zu geben. Aber nicht um jeden Preis (Beispiel: gewaltsames Zähneputzen). Es zählt für mich auch das Weitergeben von Erfahrungen und das Bieten von Orientierung dazu. Ebenfalls nicht um jeden Preis: Das Kind entscheidet, die Richtlinie anzunehmen oder seinen eigenen Weg zu gehen. Das große Feld des Lernens: „Das Kind muss lernen, damit später etwas aus ihm wird.“ Nein. Das Kind will lernen, um sich selbst zu finden, und wir müssen ihm helfen, dass das auch so bleibt. 

Oft liegt in dieser proaktiven Handlungsweise bzw. Haltung der Unterschied zwischen Erziehung und Nicht-Erziehung. Das Vorleben, zum Beispiel: Du lebst deinen Kindern Tischmanieren vor, damit sie es lernen und sie später durch ordentliches Benehmen soziale Anerkennung erfahren? Erziehung. Du lebst mit deinen Kindern Tischrituale, weil sie dir etwas bedeuten und es euch allen gut damit geht, erzwingst aber nichts? Keine Erziehung.

Mit ohne Erziehung fühle ich mich an der richtigen Stelle, nämlich im Zentrum – dreidimensional gesehen.


Von innen heraus gestalten

Ich stelle mir das Leben so vor: Unsere ureigene Prägung legt sich wie Rosenblätter oder Zwiebelschalen um die Knospe. Was wir gelernt oder was andere uns auferlegt haben, wird zur Hülle unseres Seins. Konventionen, persönliche Glaubenssätze, Gewohnheiten, Regeln, Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle, Gedanken, Erlebnisse, … umschließen die fragile Knospe.

Viele dieser Schalenteile, wage ich zu behaupten, sind vertrocknet und können behutsam entfernt werden. Nicht so einfach, denn gerade diese sind meist eine Art Panzer, der mit aller Macht den Kern effizient schützen soll. In der klassischen Erziehung (die einer Vorbereitung auf und in Krisenzeiten entspringt) wird versucht, mit wenigen Blättern auszukommen, die jedes für sich so stark sein müssen, dass in kürzester Zeit dieser undurchdringliche Panzer gebildet ist. Dabei sind die „harten Schalen“ so zerbrechlich. Mit ihnen kann man sich nur schwer bewegen, sie sind steif und unflexibel, brechen beim Versuch sie zu biegen. Das Erblühen, das Entfalten und wieder Schließen der ganzen Blüte ist ein mächtiger Kraftakt. Von außen (gar von innen) kann man sich an ihnen verletzen.

Die Blütenblätter des erziehungsfreien Lebens hingegen zeichnen sich durch Weichheit und Flexibilität aus. In ihrer Vielzahl bilden sie ein sanftes und sicheres Kissen um den Kern. Sie sind stabil, fest verankert, aus reißfestem Material, geben aber jedem Widerstand nach, formen sich mit, um danach in ihren Ursprungszustand zurückzukehren. Diesen weichen Blättern biete ich Raum zum Wachsen, indem ich die Kinder in ihrem Handeln stütze, sie begleite, ihre Integrität wahre. Der Begriff, den ich versuche zu umschreiben, ist wohl Resilienz.


Deine Realität – meine Realität

Erziehung ist also tendenziell zu viel unnötige Aktion und Anstrengung, zu wenig Beziehung. Es ist schwer, nichts zu tun, nur zu beobachten. Es gibt aber immer etwas, das ich tun kann, ohne in Aktionismus zu verfallen: Das Konzept der unterschiedlichen Realitäten – die des Kindes und die des Erwachsenen – hat mir geholfen, mein Handeln (dem Kind gegenüber) zu überprüfen. Ich denke mich in seine Realität, um adäquat reagieren, meinem Kind ehrlich hilfreich sein zu können.

Die Realität des Kindes funktioniert nach ganz eigenen Regeln und ist entscheidend für das Handeln des Kindes. Meine Realität: Geprägt von meiner eigenen Kindheit empfinde ich bestimmte Ängste oder den Drang, das Kind zu etwas zu bringen oder es von etwas abzuhalten. Das hat aber mit mir zu tun, absolut nichts mit dem Kind. Ich durchlebe durch mein Kind eine neue Kindheit, der ich meinen eigenen Panzer aufzwingen möchte. Mein „falsches“, anerzogenes Bauchgefühl diktiert mir, es den Generationen vor mir in gewisser Weise gleich zu tun. Kinder werden im Alltag immer in die erwachsene Realität gezwungen. So ist es an mir, mich in die kindliche Realität zu denken, sie zumindest wahrzunehmen, wenn ich in Verbindung mit meinen Kindern treten möchte. Auf dieser Ebene kann ich ihnen (und mir) ehrlich begegnen und muss dann sogar an Aktionismus nicht mehr sparen.


„Earl Grey – heiß“

Hinschauen und zuhören statt eingreifen und lenken. Das ist anstrengend, im positivsten Sinne. Mir hilft mein Ritual, in ruhigen Momenten einen Tee zu trinken und einen Moment bei mir zu verharren, bevor ich mich wieder in Beziehung und die kindliche Realität begebe. Ich kann das noch nicht ständig und bin auch schon ein bisschen gut darin, aber ich liebe die Momente, in denen wir ganz beieinander sind, im Hier und Jetzt. 

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