Dokumentarfilm & Ethik

Ein erster Kommentar zum Film ‚Elternschule‘


Storytelling

Als Filmemacherin kenne ich die Entstehungsprozesse eines Films recht gut. Natürlich arbeitet jede:r anders, aber jede:r Filmemacher:in möchte etwas erzählen. Um überhaupt einen Film zu machen und dafür (in diesem Fall nicht unerhebliche) Fördergelder zu bekommen, braucht es einen erfolgreichen Pitch. Ein Konzept, in dem die Idee des Films beschrieben wird. Die Idee wird „verkauft“. Man ist sich im Vorhinein bewusst, welche Biegungen das Erzählte einschlagen könnte, auch wenn (als Dokumentarfilm) situative Unbekannte auftreten. Im Fall der Klinik und ihren standardisierten Methoden war sicher nicht mit viel Überraschung zu rechnen.

„Trick 17: Charismatischer Psychiater verzaubert Monsterkinder in folgsame Engel.“

„OK. Informativ, unterhaltsam … Gekauft. Kommt auch Kotzen drin vor? In jedem guten Film kotzt einer. Das geht so direkt rein.“

fiktiver Elevator Pitch, Achtung: Polemik

Preparation

Die Macher beschäftigen sich intensiv eine lange Zeit mit dem Thema. Ein halbes Jahr haben sie vor Ort gedreht, habe ich gelesen. Plus Konzept, Planung, Organisation etc. vorher und Postproduktion (Schnitt, Ton etc.) hinterher, plus Marketing und alles. 

Warum haben Sie den Film gemacht?

„Wir haben den Film gemacht, weil uns die Klinik fasziniert hat. Hier konnten wir viele Probleme, die unsere Gesellschaft mit ihren Kindern hat (Stress, Unsicherheit in der Erziehung u.v.m.), sowie deren Auflösung, wie durch ein Brennglas an einem Ort beobachten. Hier konnten wir – und das kann man im Dokumentarfilm gar nicht so oft – Entwicklungen tatsächlich verfolgen, Geschichten von Anfang bis Ende erzählen.“

FAQ auf der Website des Films

Ich erwarte intensive Recherche über den Stoff, die Hintergründe, die Menschen, die darin auftauchen, bevor ein Film überhaupt angefangen wird. Natürlich informiere ich mich detailliert auch über andere Ansätze, den aktuellen Stand der Wissenschaft zum Beispiel, und versuche sie zumindest zu verstehen, betrachte mögliche „Gegenseiten“ oder Kritik. Ich entscheide bewusst, ob ich diese im Film thematisiere oder nicht.

Allein mit dem Wissen um eine umstrittene Vergangenheit kann ich aber nicht so tun, als gäbe es dieses Thema nicht. Es muss nicht im Film auftauchen, aber das ist ein Statement in sich.

Wie stehen die Filmemacher zur Vergangenheit der Klinik?

„Wir sind Filmemacher und keine Medizinhistoriker. Wir sind auch keine Journalisten. Eine Betrachtung der Vergangenheit hätte in unserer filmischen Erzählung keinen Platz gefunden, denn unser Film beobachtet die Gegenwart. Außerdem haben sich nach unserer Einschätzung Klinik und Behandlungsprogramm weiter entwickelt – unter wissenschaftlicher Begleitung.“

FAQ auf der Website des Films

Herr Adolph fand den Typus Langer und seine „Zaubertricks“ toll, darüber hat er einen Film gemacht, widewide wie er ihm gefällt.

Rechte zur Darstellung der gezeigten Personen müssen eingeholt werden. Kinder genießen als Akteure vor der Kamera besondere Rechte, und Pflichten zum Schutz müssen eingehalten werden.

„Auf diese Weise hatten wir bei Drehbeginn das Einverständnis aller, die zu dieser Zeit auf der Station waren. Aber das ist ja nur eine formale Zustimmung – und das Vertrauen, das mit so einem Dreh verbunden ist, mussten wir uns erst einmal verdienen. Das bedeutet: Wir haben zwar gedreht, aber die ganze Zeit über mit allen unseren Protagonisten intensiv kommuniziert. Wir haben uns erklärt, ausgehandelt, in welchen Situationen unsere Kamera mehr oder weniger stört. Und natürlich gab es immer wieder Situationen, wo auch wir merkten: Jetzt ist unsere Kamera nicht angebracht – und wir zogen uns zurück. Oder Protagonisten sagten uns nach einem Dreh, dass sie mit einer Situation unglücklich sind – solche Hinweise respektieren wir natürlich, das entsprechende Material ist jetzt nicht im Film.

Die Kinder, die auf den alten Lehrfilmen zu sehen sind, haben wir als Erwachsene ausfindig gemacht und um ihr Einverständnis gebeten und es auch von allen im Film zu sehenden Fällen gerne bekommen. Die gesamte Produktion wurde begleitet von einer führenden Rechtsanwaltskanzlei für Urheber-, Persönlichkeits- und Filmrechtsfragen.

Und natürlich haben sich auch während des Drehs Menschen umentschieden – und wollten nicht mehr gefilmt werden. Auch das haben wir respektiert.“

FAQ auf der Website des Films

In wie weit ist die Darstellung realer Persönlichkeiten, Kinder, würdevoll genug, dass sie über die reine Erlaubnis der Eltern hinaus gerechtfertigt sind?

Wurde auf inhaltlicher Ebene das Konzept und dessen Herkunft vorab genau beleuchtet, auf dem die umstrittenen Methoden der Klinik basieren? Wurde hinterfragt, dass auf unterschiedliche Diagnosen, Familien, Individuen, Vorgeschichten dasselbe Behandlungsschema angewendet wird? Ein bisschen logisches Verständnis sollte dafür reichen.
Hat man sich um unabhängige Langzeiterfahrungen bemüht?
Wurde sich ernsthaft damit beschäftigt, was es bedeutet, Kindern den Ausdruck ihrer Gefühle zu unterbinden?

Abschließender Check, ob auch alles korrekt ist: Sich nochmal vom Zauberer so richtig verblüffen lassen (check) und dann loslegen.


Kamera? … Läuft!

Beim Dreh wird Material produziert, das anschließend verwertet werden kann. Dieser Film ist ein Dokumentarfilm. Angeblich zeigt er wertneutral das Geschehen. Auch wenn es kein festes Drehbuch für einen Dokumentarfilm gibt, eine Leitlinie hat jeder Regisseur in der Tasche.

Es wird i.d.R. vorher genau geschaut, welche Orte und Situationen sich eignen, welches Equipment wo sinnvoll eingesetzt werden kann/muss, welche Persönlichkeiten portraitiert werden können, welche Storylines man verfolgt.

Wie ging es Ihnen als Filmemacher während des Drehs?
 

„Es ging uns gut. Wir waren ja gut vorbereitet. Wir haben nicht einfach angefangen zu drehen – wir haben vorher recherchiert, wir haben Klinikpersonal und Eltern auf den Dreh vorbereitet und im Vorfeld das Einverständnis aller Beteiligten eingeholt. Wir kannten das Programm und wussten, was auf uns zukommt.“

FAQ auf der Website des Films

Realitäten

„Unsere Dokumentation ist maximal seriös und reine Betrachtung“

Jörg Adolph | Filmemacher

Meiner Ansicht nach kann generell nicht – und schon gar nicht, wenn nur eine Perspektive dargestellt wird – wertneutral erzählt werden. Als Filmschaffende:r nehme ich eine Perspektive ein. Im konkreten Fall definitiv wohl nicht die der Kinder. Aus dieser heraus erzähle ich eine Wahrheit, die trotz dokumentarischen Ursprungs zunächst in einem fiktiven Raum eine Gültigkeit hat. Die Kreateure bauen den Raum, in dem Schnipsel einer Realität zu einem Film zusammengefügt werden.

So sagen es auch die Filmemacher, es ist ein Dokumentarfilm und keine Dokumentation oder Reportage. Sie haben entschieden, eine Innenansicht der Klinik und der dort praktizierten Methoden zu erzählen.

Kameraeinstellungen, Bildgestaltung, Motive, Schnitt, Text, Musik, Kommentare … oder das Auslassen bestimmter Teile – all das dient der Kommunikation dessen, was beim Zuschauer ankommen soll. Ein dramaturgischer Bogen wird gespannt, Spannung aufgebaut, „lustige“ und erleichternde Elemente gezielt platziert, um die Rezeption dynamisch zu gestalten.

Es wird viel Rohmaterial gesichtet (nach eigenen Angaben 160 – 200 Stunden), ausgewertet, nach bestimmten Kriterien ausgewählt. Diese Kriterien stehen relativ fest, denn im Filmteam muss man sich einigen. Doch zu hart, zu direkt? Fliegt raus. Zu langweilig, harmonisch? Fliegt raus. Konflikt, Leid, Lösung? Super. Nehmen wir. Wie es dort im Schnittraum zuging, kann ich nur vermuten. Ich weiß nur, dass der Cutter sich Ausschnitt für Ausschnitt immer und immer wieder anschauen muss, hier und dort nochmal verändern, nochmal kürzen oder austauschen, dann nochmal im Ganzen … Wow. Mit diesem Material eine Leistung. Mein Bauchgefühl sagt: Ich möchte nicht in die „Outtakes“ schauen.

Durch die Möglichkeit, digitale Vorführkopien als Download bereitzustellen, besteht theoretisch die Möglichkeit, Filmmaterial auch nach Kinostart noch kurzfristig zu schneiden. Ob dies mit z.B. grenzwertigen Szenen in diesem Fall geschehen ist, kann ich selbst nicht abschließend beurteilen. 

Dieser kreierte Rahmen kommt in seiner Gesamtfassung beim Rezipienten dann als Realität an. Die Situationen waren real, die Menschen auch. Bestimmte Dinge wurden real gesagt. Wie real ist diese Realität am Ende für unsere eigene? Wie sie in der wissenschaftlichen Realität bestehen wird, ist fraglich.


Verantwortung

Als Filmemacher:in habe ich die Verantwortung für das, was vor und hinter der Kamera geschieht.

Ein Film kann ein reines Produkt (Image- oder Werbefilm z.B.) sein, das Profit verspricht, in der Regel identifizieren sich Filmemacher jedoch mit ihrem „Baby“. Sie haben schließlich eine Intention, all die Kosten und Mühen auf sich zu nehmen, die es bedeutet, einen Film zu machen. Ich trage die Verantwortung für das, was der Rezipient an die Hand bekommt. Ich habe die Verantwortung, mich mit den ethischen Fragestellungen meines Handelns auseinanderzusetzen.

„Die Frage nach der Repräsentation Anderer bildet eine der Kernbestimmungen des Dokumentarfilms und umreißt zugleich die ethische Problematik der Gattung. An Überlegungen zur Rollenkonfiguration knüpfen sich die nach der Verantwortung der Filmemacherin – gegenüber den Menschen vor der Kamera, aber auch gegenüber dem Zuschauer.“

„Auch die Frage nach der Zumutbarkeit der Bilder ist wiederholt aufgebracht worden: Wo verlaufen die Grenzen? Und wann muss ein Filmemacher die (schützende) Position hinter der Kamera aufgeben und ins Geschehen eingreifen, um etwa Gewalt zu verhindern? Befreit ihn die filmische Situation von der Verantwortung, oder bleibt er Handelnder in einer sozialen Situation, für den im Zweifel der Tatbestand unterlassener Hilfeleistung gilt? Zu bedenken ist auch, welche ethischen Forderungen spezifische Publika – Traumatisierte, Marginalisierte, Interessensgruppen oder auch religiöse Gemeinschaften – an den Film richten mögen.“

http://www.montage-av.de/callforpapers/CfP_Ethik_dokumentarischer_Praxis.pdf

Nach möglichen Antworten werde ich in nächster Zeit suchen.


Ich sehe was, was du nicht siehst …

Ein Film übersetzt Ideen in Bilder und Stimmungen. Diese lösen Gefühle beim Betrachter aus, die wiederum auf seinen eigenen Erfahrungen basieren. So wird dieser Film unterschiedlich wahrgenommen, so „polarisiert“ er. Und dabei geht es hier um so viel mehr als die bloße Geschmacksfrage nach dem „richtigen“ Erziehungsstil.

Filmisch und cineastisch scheint mir dieser Film tatsächlich unbedeutend zu sein. Die aus dem Trailer ersichtliche Bildstilistik erinnert mich an simple TV-Dokus. Die Farben sind kalt, klinisch. Die Überwachungsvideos geben per se einen Grusel-Charakter mit rein. Dass durch dieses „vierte Auge“ die Kinder –zumindest im Trailer – wie Monster wirken, verzerrt, verstört, mit Licht reflektierenden Pupillen in der Nacht – warum denke ich jetzt an „Der Exorzist“? Naja, kann Zufall sein. ^^
Damit wird das Interesse für diesen Film geweckt. 

Einen Film kann man nicht außerhalb des inhaltlich-fachlichen und gesellschaftlichen Zusammenhangs betrachten. Menschen, die ihn in gesamter Länge, zum Teil mit anschließender Podiumsdiskussion gesehen haben, haben schon viele kluge und bewegende Dinge dazu gesagt oder geschrieben und ich bin sicher, dass noch mehr weise und starke Worte folgen werden.


Warum wollen Menschen diesen Film sehen? 

Sie interessieren sich für (Dokumentar)filme.

Sie interessieren sich dafür, wie das wohl funktioniert, Familien aus solch ausweglosen Situationen zu retten.

Sie haben Angst. Angst davor, dass ihr Kind so werden könnte wie die im Film gezeigten. Falsch für diese Gesellschaft. Angst davor, dass sie mit ihrer Erziehung etwas falsch machen und solche „Monster“ produzieren. Ihre Angst wird durch den Film als berechtigt dargestellt.

Sie wollen etwas nach schulisch anerkanntem Standard lernen, beigebracht bekommen, wie es „richtig“ geht. So zumindest wurde der Titel gesetzt.

Sie suchen nach Rückhalt, Ratschlägen, einem Rezept, nach Erlösung im Alltag mit kleinen Kindern, der oft genug und für jeden von uns grenzwertig anstrengend ist und bei dem wir immer wieder aus der Verbindung heraus geschleudert werden und teilweise nicht so einfach wieder hinein kommen.

Sie suchen Rat bei Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, denn die Kinder scheinen grundlegend ähnliche Verhaltensweisen zu zeigen. Eltern(teile), die beweisen wollen, dass ihr*e Partner*in doch „zu lasch“ ist. (Groß)Eltern, die sich bestätigt fühlen wollen, wenn sie auf ihre Art erziehen, die ihren Impuls zum Besten des Kindes interpretiert wissen wollen.

Der Wiedererkennungswert bestimmter Situationen und Verhaltensweisen (des Kindes wie auch der Eltern) spielt eine entscheidende Rolle zur Identifikation.

Als Filmemacher:in habe ich also eine breite Zielgruppe im Auge. Der Film vermarktet sich gut, weil er einen Großteil der deutschen Gesamtbevölkerung anspricht. Ich streue positive Werbung. Ehemalige Patienten-Eltern berichten von ihrer Erleichterung und Dankbarkeit bei den Filmdiskussionen vor Ort und im Netz. Meine Geldgeber tun ihren Teil für den finanziellen Erfolg des Films. Vernünftigen und fundierten kritischen Stimmen begegne ich idealerweise respektvoll und eröffne den Diskurs. … oh, wait. *

* Von drohenden und beleidigenden kritischen Kommentaren distanziere ich mich deutlich und heiße diese keinesfalls gut. Im Gegenteil: die Menschen, mit denen ich im Austausch stehe, denen Gewaltfreiheit gegenüber Kindern am Herzen liegt, agieren ebenso gewaltfrei und verurteilen gewaltsame Äußerungen gegenüber den Filmemachern und anderen Verantwortlichen. Dass der sogenannte „Shitstorm“ nicht vorhergesehen wurde, zeugt m.E. jedoch von schlechter Recherche im Vorfeld.

Worin sehen Sie die Gründe für den großen Widerstand gegen den Film?

„Die meisten Kritiker in den sozialen Medien scheinen den Film gar nicht gesehen zu haben, bevor sie über ihn urteilen. Ihr Urteil bilden sie schnell und emotional anhand eigener Vorurteile, anhand des Trailers und anhand eines schlecht recherchierten Artikels. Fast die gesamte restliche Presse ignorieren sie. Stattdessen spielen vor allem die uninformierten, emotionalen Meinungsäußerungen anderer eine besonders wichtige Rolle bei der Beurteilung unseres Films. Viele Kommentare sind regelrecht hasserfüllt und es werden Lügen über unseren Film bewusst in die Welt gesetzt und kolportiert.“

„Als wir auf die Art der der Kritik z.B. auf Facebook antworteten, wurden wir digital niedergebrüllt.“

FAQ auf der Website des Films

Die Diskussion und Kritik um diesen Film ist wesentlich differenzierter als die oben genannte Aussage. Viele Menschen, die eine etablierte und anerkannte Sicht auf die gesunde psychische und physische Entwicklung kleiner Menschen sowie das gesunde familiäre Miteinander vertreten, beteiligen sich daran, konstruktiv darauf aufmerksam zu machen, die im Film transportierte Grundhaltung gegenüber Kindern zu hinterfragen.
Dabei geht es nicht um eine „Ideologisierung der Erziehungsdebatten“, sondern um eine ganz grundlegende Haltung gegenüber Kindern.

Ich sehe, dass die geäußerte Kritik, in welcher Form auch immer, den Filmemachern – verständlich – zugesetzt hat. Die krude Abwehr ist im oben zitierten Statement deutlich zu lesen. Vielleicht ist es den Filmemachern irgendwann möglich, in die Verantwortung zu gehen und sich explizit mit den qualifizierten Kritiken zu beschäftigen. Pauschale Behauptungen und Vorwürfe helfen uns auch an dieser Stelle nicht weiter.


Auswertung

Zuvor lief er als Festivalbeitrag auf dem DOK.fest München.

Man sieht auf der Website einen Trailer, der Herrn Langer auf hauptsächlich Audio-Ebene seine Methode erklären lässt, während auf der visuellen Ebene Slow-Motion-Aufnahmen von Kindern und Babys zu sehen sind – teils in Close-Ups (Großaufnahmen) –, die weinen, sich winden und kämpfen, das Essen verweigern oder dieses wieder ausspucken. Darunter ist eine sphärische Musik gelegt.

Diese Darstellungstechniken sind emotionalisierend, dramatisierend. Sie stellen eine vermeintliche Nähe zu den Kindern her, die mit den verzerrten Gesichtern, der „trotzigen“ Mimik, dem ausgespuckten Essen zu einer unangenehmen, grenzüberschreitenden Nähe wird. Mit ausgeschaltetem Ton sehe ich Aufnahmen leidender schutzbedürftiger kleiner Wesen. Mit Ton werden sie – wenn ich dem Glauben und Vertrauen schenken würde, was dieser Mann behauptet, – zu intentional manipulativen Subjekten Objekten, die in ihrem grenzenlosen Entdeckungsdrang eingedämmt werden müssen, bevor sie aus dem Ruder laufen.

Beim endgültigen Setzen der finalen Grenze für das Kind in seinem Tafelbild, bricht Herrn Langer die Kreide ab. Auch solche Szenen werden bewusst ins Bild genommen. Ich könnte hoffen, hier subtile Kritik zwischen den Zeilen herauszulesen. Wahrscheinlich war aber einfach „Entschlossenheit“ damit gemeint. Oder sie wollten die Szene nicht nochmal drehen.

Was Herr Langer redet, klingt in sich logisch. Was er sagt, wirkt auf Interessensebene der Erwachsenen. Er ist charismatisch, der „Zauberer“, man glaubt ihm, man vertraut ihm. Die Kinder wirken für mich in diesem Trailer wie außer Kontrolle geratene Maschinen, deren Intention, außer die vermeintlich negative, nichts zählt.


Rezeption

Die Filmbeschreibung, verfasst von Ludwig Sporrer vom DOK.fest München (Organisation, Öffentlichkeitsarbeit, Projektleitung DOK.tour), nutzt Phrasen, wie sie von Herrn Langer vorgegeben zu sein scheinen bzw. im Film durch ihn dargestellt werden. Diese werden von den Filmemachern nicht kritisch hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen und mit kreiert. Daraus bilden sie ihre Realität. So trägt sich dieses Bild weiter über die Verwerter bis hin zum Endkonsumenten, dem Zuschauer.

„Es sind Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs, die in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen lernen, ihren Kindern liebevoll, aber konsequent Grenzen zu setzen“,

schreibt Sporrer.

Natürlich lieben die verzweifelten Eltern ihre Kinder und wollen auch ihnen helfen. Dass die Methodik liebevoll sein soll, empfinde ich als Euphemismus.

Ebenso „konsequent“, ein inflationäres Wort, das in der alltäglichen Erziehungssprache nur noch in seiner zweiten Bedeutung ‚eisern‘ / ‚beharrlich‘ / ‚unbeirrbar‘ genutzt wird, statt in seiner ursprünglichen: ‚logisch‘ / ‚natürlich‘ / ‚schlüssig‘.

Empathie- und gnadenlos träfe es meiner Einschätzung nach besser.

„… in demonstrativer Hilflosigkeit …“

Hilflos: definitiv. Demonstrativ: Einfach hilflos.

„Mit großem Feingefühl und ohne Kommentar begleiten Ralph Bücheler und Jörg Adolph die Familien …“

Feingefühl für wen oder was? Die Kinder gehören doch auch zur Familie. Für deren Belange sehe ich kein Feingefühl. Herrn Langer und seiner Methode scheint viel des „Feingefühls“ zu gelten.

Zu diesem Film keinen expliziten Kommentar abzugeben, ist letztlich auch ein Kommentar. Wie gesagt, die Haltung ergibt sich aus der Darstellung.

„… ein Muss für alle, die sich fragen, was gute Erziehung ausmacht.“

Von der werberischen Phrase mal abgesehen und davon, dass eine Einteilung in gut (seins) und schlecht (alles andere) nicht hilfreich ist: Die Antwort auf die Frage nach „guter Erziehung“ in Herrn Langers Patentrezept finden zu wollen, halte ich für grob fahrlässig und von Herrn Langer selbst für nahezu narzisstisch.

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Filmemacher auf mehreren Ebenen ethisch zumindest nachlässig zulasten von Kindern gehandelt haben. 

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener findet hierzu klare Worte:

„Auch die Filmemacher stehen aufgrund der unkritischen Darstellung von Gewalt gegen Kinder zu Recht in der Kritik. Der Film zeigt Familien in Notsituationen und Kinder während grausamer und entwürdigender Behandlung. Es gibt Aufnahmen von Kindern bei emotionalen Ausbrüchen und beim Erbrechen. Der Film greift tief in die Privatsphäre der gezeigten Individuen und Familien ein und befriedigt hiermit aus unserer Sicht ganz klar voyeuristische Motive. Die gewählte Dramaturgie (emotionalisierende Zusammenschnitte der Szenen und heroisierende Darstellung des psychologischen „Experten“) lässt schwer daran zweifeln, dass der Zweck des Films ein bildender und informationsvermittelnder ist.“

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e. V.

Im weiteren Verlauf dieses offenen Briefes des BPE wird unmissverständlich deutlich, dass es längst nicht mehr, wenn überhaupt jemals, um unterschiedliche Erziehungsgeschmäcker geht. Der BPE zieht nachvollziehbare Vergleiche zu Folter. Da kann ich einfach nicht mehr leise treten.


Kinder & Film

Als ich auf der Konferenz Zukunft Kinderfilm war, hat es sich so gut angefühlt, dass sich die dort vertretene Filmbranche, die Sender, Filmemacher, Förderer … einfach alle Anwesenden für Qualität, Diversität und besonders für Kinder stark gemacht haben. Den Blick auf Kinder zu verändern, sie stärker als Experten wahrzunehmen, ihnen mehr zuzutrauen, vor und hinter der Kamera, als Rezipienten – all das sind Ziele gewesen. Ab welchem Alter gilt das denn? Gilt es nicht für Babys und Kleinkinder vor der Kamera? Gilt es nicht für alle Kinder dieser Welt, dass es zählt, wie wertschätzend sie in Filmen wie diesem offen bezeichnet und dargestellt werden?

Ich bin traurig, dass ein Film wie dieser sich dem genau entgegen stellt. Natürlich, es ist kein Kinderfilm. Er richtet sich an Erwachsene, an Eltern, die sich auf bestimmte Art und Weise mit den im Film gezeigten Eltern identifizieren. Die FSK hat den Film „ab 12“ eingestuft. Offiziell darf sich also ein zwölfjähriges Kind anschauen, welches Bild Erwachsene von ihm haben und sehen sich selbst im Spiegel ihrer bisherigen Lebenszeit. „Schau, so ein berechnendes Monster warst (oder bist) du auch. Popcorn?“


Für die Zukunft

Ich würde mir wünschen, dass sich Filmemacher:innen bei solchen Filmprojekten umfassend und übergreifend im entsprechenden Themenumfeld informieren.
Der Kinderschutzbund fordert eine fachkundige Begleitung von Filmprojekten, die Kinder involvieren. Ich bin nicht sicher, wie praktikabel und für Filmemacher:innen grundlegend beschränkend ein solcher Vorschlag wäre. Mir ist jedoch mindestens ein weiteres Beispiel bekannt, bei dem die bloße Anwesenheit eines Filmteams indirekte, aber massive Auswirkungen auf das kindliche Wohl gehabt hat. Um also zumindest das Risiko von Fehleinschätzungen zu mindern, kann ich mir ein mindestens freiwilliges Hinzuziehen von neutralen und spezialisierten Personen gut vorstellen. Dazu braucht es aber sicher auch ein umfassendes Verständnis und einen Konsens über ethische Grenzen en detail.

„… dass es dringend erforderlich ist, bereits im Vorfeld eine qualifizierte Prüfung in Bezug auf Schutz und Beteiligung der Kinder sowie ihrer physischen und psychischen Belastungen als Mitwirkende durch die Aufsichtsbehörden wie z.B. durch das Jugendamt zu gewährleisten.

Der Kinderschutzbund hat bereits in der Vergangenheit gefordert, dass unabhängige medienpädagogische Fachkräfte als Begleitung der teilnehmenden Kinder zwingend einbezogen werden müssen, um den Schutz mitwirkender Kinder sicherzustellen und ihre Lebenssituation zu berücksichtigen. 

Gerade wenn keine rechtlichen Regelungen in Bezug auf die Mitwirkung von Kindern in Dokumentationen existieren, weil beispielsweise Drehbücher fehlen, sind Maßnahmen zur Interessenwahrnehmung der Kinder dringend erforderlich, um die Rechte der Kinder allumfänglich sicherzustellen.“

Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e. V.

Daran knüpft der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener an:

„Wir schließen uns der vom Deutschen Kinderschutzbund aufgeworfenen Frage an, ob „… die Einwilligung der Kinder aufgrund ihres Alters und ihrer Entwicklung sowie die Einwilligung der Eltern aufgrund der Abhängigkeit gegenüber solchen Hilfsangeboten objektiv gegeben sein kann.“[10] Angesichts der Tiefe des Eingriffs in die Privatsphäre kann aus unserer Sicht die Veröffentlichung solch intimer und erniedrigender Bilder der Kinder unter keinen Umständen – auch bei Einstimmung der Eltern – gerechtfertigt sein. Der Preis, den die jungen Menschen, auch im weiteren Verlauf ihrer Biografie, dafür potenziell bezahlen müssen, ist unverantwortlich hoch. Ein erwartbarer Schaden besteht etwa in einer Stigmatisierung der Betroffenen, die die seelische Gesundheit bis hin zur Suizidalität schädigen kann. Auch die Verbreitung des Films kann katastrophale Konsequenzen haben, wenn etwa die gezeigten Praktiken von Eltern mit Wutproblematik und/oder Impulskontrollstörungen nachgeahmt werden. Wir fordern daher deutsche Kinos auf, zu erwägen, den Film nicht auszustrahlen. Alle, die sich am Publikmachen dieser Darstellungen beteiligen, stehen in der Schuld, wenn auch nur einer der gezeigten jungen Menschen durch die Ausstrahlung Schaden erleidet – falls dies nicht schon längst geschehen ist.“

offener Brief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e. V.


Ich wünsche mir mehr und noch viele mehr Filme, die eine andere Perspektive einnehmen als dieser Film, die eine andere Sicht auf Kinder zeigen, die Alternativen zeigen, die verständlich machen, wie Kinder wirklich denken und fühlen.


Eltern & Kinder in Not

Ich verurteile in keiner Weise die Eltern, die sich an diese Klinik wenden. Die Situationen dieser Familien sind höchst verfahren und höchst individuell. Ein Ende mit Schrecken ist das, was Erlösung verspricht und den Eltern letztlich auch zu bringen scheint. Alle betroffenen, erschöpften, überforderten Eltern, die sich am Ende ihrer Kräfte fühlen, bitte ich, sich dennoch kritisch mit der an der Klinik angebotenen Therapie auseinanderzusetzen. Eine Liste mit alternativen Beratungs- und Anlaufstellen verlinke ich hier in Kürze.

Alle Eltern, die den Film sehen und denken, sie müssten sich davon eine Scheibe für ihre Kinder, ihren stressigen Alltag, ihre Kommunikation mit ihren rebellischen Schutzbefohlenen abschneiden, bitte ich, auch dies kritisch zu hinterfragen.

Weitere Hintergründe & Infos

Herbert Renz-Polster (Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor) schreibt im Tagesspiegel

Ein Artikel in der Huffington Post

https://youtu.be/hBIM1cTlz2A

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