Vielerlei Tierchen mit Pläsierchen oder: „Das kann aber auch nur dir passieren“

Stuttgart-Special: Animanimals

Uuuuund weiter geht es mit … jawohl … Tieren. Und dem Grimme-Preis.

Inhalt & Konzept

Wie schon bei Meine Schmusedecke und dem Tiermagazin Ich kenne ein Tier als Gesamtkonzept, geht es um je ein bestimmtes Tier pro Folge.

Die Tiere werden in einer ihrer natürlichen und typischen Eigenschaften überzeichnet dargestellt und scheitern im Alltag genau daran. Die absurden Abenteuer können aber auch nur ihnen passieren. Am Ende löst sich der Knoten aber in einer überraschenden, lustigen und anrührenden Wendung.

Die Welt, in der die Handlung spielt, ist eine an die reale natürliche angelehnte. Die Tiere sind realen Tieren nachempfunden. Allerdings nutzt diese Serie die Technik der Animation, um die Handlung durch physikalische Unmöglichkeiten zu überzeichnen. Nicht nur haben die Tiere menschliche Züge, wie auch bei der Schmusedecke, sondern agieren in einem vermenschlichten Setting. So zum Beispiel das Krokodil, das einen Fernsehabend plant, aufgrund seiner Anatomie aber Probleme hat, seine Salzstangen zu essen.

Umsetzung

Look

Die natürlichen Eigenarten der Tiere in die reduzierte Darstellung einer Zeichentrick/2D-Computeranimation zu bringen, ist meines Erachtens wunderbar gelungen. Die abstrahierten und doch so charakteristischen Figuren bestechen außerdem in der Kombination mit ihrer ganz eigenen Art, sich zu bewegen.

Timing

Besonders aufgefallen ist mir das präzise Timing. Wie sich schnelle und langsame Abläufe im Wechsel ergänzen, dramaturgische Pausen die Absurdität einer Situation pointieren, nur ein bis zehn blinzelnde Augenpaare die plötzliche Stille brechen, Wiederholungen zum komischen Element oder natürliche Bewegungsabläufe einfach – zack – abgekürzt werden. Die organischen Bewegungen der ansonsten eher stilisierten Figuren – große Liebe. In Kombination mit dem Sounddesign ein „haptisch“ ganz feines Erlebnis (eigentlich meine ich sensorisch, es fühlt sich aber schon fast greifbar an – lebendig eben).

Musik & Sound

Das Titellied ist eine rhythmische a-capella-Collage aus Tierlauten und dem Wort ‚Animanimals‘. „Gesungen“ von einer Tierparade einiger der Hauptdarsteller:innen. Was für eine schöne Idee.

Das Sounddesign, ich erwähnte es schon, ist ebenso durchdacht und fein komponiert wie das visuelle Erscheinungsbild. Immer wieder faszinierend, wie lebendig die Figuren dadurch nochmal wirken (schaltet mal zum Vergleich den Ton ab, wenn ihr eine Folge seht).

Außer der Tier-Sprache gibt es keine gesprochene Sprache. Das ist sehr clever zur internationalen Vermarktung ohne größeren Aufwand, zuallererst aber ist es genial, wie die Geschichten ganz ohne Worte erzählt werden. Allerdings bin ich nicht sicher, ob und wie ein solches Format für sehbehinderte Menschen funktioniert bzw. ob eine Audiodeskription vorgesehen ist.

Erziehungsfaktor

Im Gegensatz zur Schmusedecke mit dem Fokus auf Freundschaft haben wir es bei Animanimals eher mit individuellen Geschichten und Problemen zu tun. Es betrifft also eher zunächst eine einzelne Persönlichkeit. Die Gemeinschaft spielt dann zur Lösung des individuellen Problems eine Rolle.

Die Haltung und Wertschätzung, die jeder Geschichte zugrunde liegt, fällt mir ganz besonders positiv auf. Die Schlangen, die sich nach und nach verknoten, weil sie beim Yoga der ersten verunfallten zur Hilfe kommen wollen. Die anderen, die das Anderssein ihrer Artgenoss:innen wertschätzen und feiern. Wie verbindende Lösungen über Ärgernisse gefunden werden. Großes, großes ❤️.

In einer subtilen Selbstverständlichkeit lehrt die Serie das Miteinander und den Umgang mit Schwierigkeiten auf menschlicher (oder tierischer?) Ebene. Keine pädagogische Keule, kein Lernziel. Aber viel Lehrreiches – nicht nur für Kinder.

Apropos Kinder

Tatsächlich schlüpfen die Tiere in Animanimals in erwachsene Rollen. Es gibt auch Kinder-Figuren als Nebendarsteller (zum Beispiel die kleinen hungrigen Vögelchen in der Geschichte Fledermaus), aber grundlegend sind die Akteure in der erwachsene(re)n Position.

Zur Fledermaus: Hier sind Kinder eben Kinder und eine erwachsene Person ärgert sich über ihr (natürliches) Verhalten. Wie verbindend auch hier die Lösung ist.

Lieblingsepisode

Zebra

Durch einen Unfall werden die Streifen des Zebras durcheinandergebracht und wollen einfach nicht zurück in ihre ursprüngliche Form.

Warum Liebling?

Als Mensch mit Faible für grafische und visuelle Dinge bin ich hin und weg von der Idee, Diversity über Zebra-Streifen und alles, was daraus wird, darzustellen. Ich habe mich wörtlich vor Lachen kaum mehr einbekommen über die Musterwechsel und deren einzelne Auswahl. Achtet mal genau drauf.

Das Timing ist, wie schon beschrieben, grandios und die Auflösung herzerwärmend. Ich ziehe die Botschaft daraus: Du bist „anders“. Du bist schön!*

* Ganz, ganz kritische Augen könnten ein Problem darin sehen, dass das Anderssein zur Unterhaltung der restlichen homogenen Gruppe dient. Dazu möchte ich sagen: Animation ist Überzeichnung. Sie muss mit geringsten Mitteln und in diesem Fall auch ohne Worte oder Sprache Dinge in kürzester Zeit visuell verständlich ausdrücken und durch Handlung erzählen. Ich interpretiere es als sich-miteinander-freuen. En Detail an anderer Stelle aber sicher eine generell interessante Debatte, wie Diversity geschickt und diskriminierungsfrei in Geschichten integriert werden kann.

Fazit

Animanimals ist eine überaus gelungene Serie, die nicht allein Kindern großen Spaß macht. In Bild und Ton eine durchkomponierte Präzisionsarbeit mit Anspruch an Qualität und – Timing.

Facts & Credits

Jahr

2015

Buch & Regie

Julia Ocker

Produktion

Studio FILM BILDER

Episoden

26 in 1 Staffel

Länge der Episoden

je 4 Minuten

Preise

Große Liebe für diese Übersicht der Awards.

Ganz frisch der Grimme-Preis 2019 im Bereich „Kinder und Jugend“. Hier gibt es die ausführliche Begründung der Jury. Glückwunsch zur bereits 50. (!) Auszeichnung.

Webseite

Auf der Webseite https://www.animanimals.com gibt es noch Spiele und kleine Interaktionen mit den Darsteller:innen zu entdecken.

Altersempfehlung

Weniger kindlich-niedlich als die Schmusedecke und mit „erwachseneren“ Themen bestens für die Zielgruppe der Vorschulkinder (+) geeignet. Aber auch die Kleinsten haben Freude daran und lernen große kleine Dinge („Kuh traurig“).

Wo zu sehen?

Aktuell gibt es alle Folgen bei KiKA auf der Webseite und im Fernsehen.

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