Was Halbes und was Ganzes – Happy 30th Birthday, Studio FILM BILDER

Stuttgart-Special: ‚Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig’

„Und so hatte Tom schließlich ein halbes Erdbeermarmeladebrot mit Honig. Das schmeckte so gut als wär’s ein ganzes gewesen.“

aus: Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig

Heute haben wir es mit einer menschlichen Hauptfigur zu tun. Tiere kommen dennoch reichlich vor.

Inhalt & Konzept

Tom hat in jeder Folge unheimlichen Appetit auf ein Erdbeermarmeladebrot mit Honig. Er begibt sich auf den Weg, dieses zu besorgen. In teils abstrusen Begegnungen mit seinen Freunden erbittet, erarbeitet oder ertauscht er sich die einzelnen Komponenten oder ganze bzw. halbe Brote. Das ist gar nicht so einfach, denn immer wieder kommt ihm etwas oder jemand dazwischen. Manchmal gar er selbst.

Am Ende bekommt er aber immer ein halbes Brot, das ihm „so gut schmeckt, als wäre es ein ganzes gewesen“.

Stil

Im Vergleich zu seinen tierischen Kollegen in Meine Schmusedecke und Animanimals sind die Geschichten und Charaktere um Tom vergleichsweise bissig und echt schräg. Pinkie-Flausch ist nicht zu erwarten, aber liebenswert sind die Figuren allemal, sogar die „fiesen“. 

Zwar kommen die Serien aus dem gleichen Haus, Studio FILM BILDER unter der künstlerischen Leitung von Andreas Hykade, bei Tom war dieser jedoch federführend verantwortlich, und das erkennt man auch deutlich.

Andreas Hykade

Andreas Hykade ist eine feste Instanz im Studio FILM BILDER. Er war Professor für Animation an der Kunsthochschule Kassel sowie an der Harvard University und leitet aktuell das Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg.

Wenn man sich Andreas Hykades Musikvideos, zum Beispiel zu 10 kleine Jägermeister von den Toten Hosen oder Blablabla sowie The Riddle von Gigi D’Agostino anschaut, erkennt man deutlich seine Handschrift. Und diese liegt nicht nur in den typischen „walking“ Strichmännchen-Zeichnungen, sondern u.a. auch im gesamten Geschick, Geschichten zu erzählen sowie Musik, Bild und Sound präzise getimet zu verbinden.

Der Hykade kann Animation.

Seine Filme für die erwachsene Zielgruppe stehen noch auf meiner unbedingt-Watch-List. Edit: Einige habe ich nun gesehen und ich muss sagen … krasser Sch…! Sehr gut. Aber krass!

Umsetzung

Look

Tom ist ein Strichmännchen, basically. Das flächige, also radikal zweidimensionale Design, ohne Schatten, Perspektiven oder Verläufe, dafür mit satten Farbflächen und schwarzen konstruierten Outlines haben den typischen Flash-Look (ein Programm für u.a. vektorbasierte Animationen und multimediale Darstellungen). Die Darstellung ist comic-artig, was durch Denkblasen zum Beispiel verstärkt wird.

Der „cleane“ Look kontrastiert mit den „kantigen“ Geschichten und Charakteren.

Das Character Design ist sehr speziell. Typisch Hykade, aber sehr untypisch, wenn man die Darstellung ähnlicher Figuren (Tiere zum Beispiel) anderer Produktionen vergleicht. An „hässlichen“ Features wird bei manch menschlicher Figur nicht gespart. Hängenasen mit Stoppeln, gebisslose, faltige Münder, massive Gliedmaßen … Und wie immer bzw. idealerweise bei Animation, liegt das charakteristische einer Figur auch und besonders in ihrer Art, sich zu bewegen, zu sprechen, zu handeln. Im Gesamtpaket eben.

Musik

Musik spielt auch bei Tom eine immer wiederkehrende Rolle. Der Rhythmus ist präzise abgestimmt, durchkomponiert. Bild und Ton bedingen und ergänzen sich. In einigen Folgen wird gar ein Musical-Charakter implementiert, indem eigens komponierte Lieder die Handlung voranbringen.

Die Titelmusik ist funky, mit E-Gitarre und etwas Schlagzeug hinterlegt, wiederholt sich dann mit E-Bass und Percussion. Schick.

Sprache

Dirk Bach, der alle Rollen spricht und singt, war brillant und bleibt unvergesslich. Er bringt eine Sprachmelodie hinein, die absolut unverkennbar ist und sich durch alle Folgen hindurchzieht. Floskeln, die sich immer wiederholen, brennen sich ein. Und mittlerweile denke ich sie, wenn ich sie auch nur lese, in Dirk Bachs Stimme.

Tom hat Impact. Das mag beim Bingen mit der Zeit – zugegeben – etwas anstrengend sein. Ich persönlich steige aber immer wieder gern frisch in die ein oder andere Folge mit ein.

Wiederholung

Überhaupt spielt die Animation stark mit dem Element der Wiederholung. Sowohl Folgen-Übergreifend als auch innerhalb einer Episode. So dreht die Erzählung Schleifen und verändert sich bei jedem Mal ein bisschen. Loops & Cycles.

Titel

Wie genial mutig ist es, einen solchen langen Titel auf den Markt zu bringen. Vor allem, wer hat jemals ein Erdbeermarmeladebrot mit Honig gegessen? Meine Tochter jetzt auf jeden Fall.

Erziehungsfaktor

Zugegeben: Tom ist politisch nicht ganz korrekt. Luisa, die „dicke Kuh“, die sich am Ende als schwanger herausstellt. Tom, der von einer Blume in einen grafisch phantastischen Rauschzustand gerät. „Tom ist doof“ und wird von den miesepetrigen Vampir-Schwestern Mina und Mona bepöbelt und gemobbt. Auch die alte Mutter kommt irgendwie nicht so ganz gut (im seichten Sinne) bei weg.

Eine Folge sehe ich besonders kritisch: „Tom wird dick“. Vom Essen wird er kugelrund wie ein Ball. Mit Durchhaltevermögen schafft er es aber, sich wieder schlank zu trainieren und isst am Ende lieber nur ein halbes Erdbeermarmeladebrot mit Honig, um nicht wieder dick zu werden. Diese Werte sind mir zu simpel gegriffen und in meinen Augen sogar eher schädlich, sie Kindern zu vermitteln.

Dennoch ist gerade die fast schon einfältig-naive Figur des Tom tatsächlich liebenswert. Er ist grundehrlich, etwas tollpatschig und jedem wohlgesonnen genug, ihm oder ihr helfen zu wollen. Er zahlt meist drauf, aber am Ende bekommt er eben doch sein halbes Brot.

Diese optimistische Einstellung gibt die Serie als „Moral“ mit. Ganz und gar nicht mit Fingerzeig, eher mit „schön wär’s, einmal wieder so unbedarft sein zu können“. Ein „Hans Tom im Glück“ mit mehr Glück als ‚nichts‘.

Lieblingsepisode

Glühwürmchen

Tom geht im Wald nach Walderdbeeren für sein Walderdbeermarmeladebrot mit Honig suchen. Dort begegnet er „für sich hin“ fliegenden Glühwürmchen, die ihm den Weg leuchten könnten, wenn sie denn wollten.

Warum?

Weil das Glühwürmchen-Lied einfach zauberhaft ist:

„Es ist Nacht und ich flieg so für mich hin, weil ich ein Glühwürmchen bin.
Es ist schön in der Stille zu singen und so die Zeit bis zum Morgen zu verbringen.
Bin ein Stern und doch nicht weit entfernt, aber weiß nicht, wie man jemand kennenlernt.
Es ist Nacht und ich flieg so für mich hihin, ist so schade, dass ich einsam bin.“

Das Glühwürmchen-Lied aus Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig

Hier wieder Stilmittel der Wiederholung: Drei Glühwürmchen begegnet Tom. Und jedes singt das Lied ein Stück weiter. Besonders nett: jedes auf seine Weise. Das zweite zum Beispiel imitiert Elvis und hat auch die entsprechende Tolle.

Und natürlich sind sie (SPOILER) am Ende nicht mehr jeweils allein <3

Fazit

Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig passt sich nicht an. Die Serie ist so ganz anders als alles andere. Sie ist lustig und charmant, bissig und schräg. Und während die Kinder unterhalten werden, entdecken die Erwachsenen immer wieder Anspielungen aus der Erwachsenenwelt, über die sie heimlich schmunzeln können.

Ein moderner „Hans im Glück“.

Wer grundlegend problematisch findet, Kindern augenzwinkernde Verweise zur Erwachsenenwelt „unterzujubeln“ oder ihnen die nicht ganz korrekte Sprache, Provokation oder auch das Mobbing der Antagonistinnen nicht zumuten möchte, sollte achtsam durch die Episoden scrollen.

Dies werde ich auch noch einmal achtsam tun, denn mittlerweile habe ich doch schon die ein oder andere kritische Stelle gefunden, wo ich mit den vermittelten Werten leider nicht mitgehe (z.B. „Tom wird dick“ – siehe oben).

Das präzise Timing und das Gefühl für Rhythmus und Verknüpfung der Bild- und Tonebene ist ein weiteres Mal brillant.

Facts & Credits

Erstausstrahlung

11. November 2005

Letzte Folge

19. April 2012

Episoden

52 in 4 Staffeln

Idee

Andreas Hykade

Produktion

Studio FILM BILDER, SWR
2005–2009

Besetzung

Dirk Bach

Länge der Episoden

5 Minuten

Altersempfehlung

Tom ist für Vorschulkinder (+) konzipiert. Es geht auch schon mal „ruppig“ zu und es gibt kleinere zwischenmenschliche Konflikte. Themen wie Selbstwert, Mobbing und sich ausnutzen zu lassen, werden genutzt und auf sehr eigene Art aufgeklärt. Tendenziell können aber auch die jüngeren den grundlegenden Erzählstrang und das in Bild und Ton bunte Geschehen mit verfolgen.

Erwachsene können auf der Metaebene noch einige Eastereggs entdecken.

Wo zu sehen?

Auf N*** gibt es viele Folgen, auf KiKA läuft Tom aktuell im TV und auf SWR gibt es einige Folgen zu sehen.


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