Film Die Kinder der Utopie
Klassenleben heißt der Dokumentarfilm von Regisseur Hubertus Siegert aus dem Jahr 2005, der eine der ersten inklusiven Schulklassen Berlins und überhaupt begleitet und das Miteinander der Schüler:innen vorstellt.

Zwölf Jahre später begegnen wir sechs der ehemaligen Schüler:innen mit und ohne Behinderung in Siegerts Film Die Kinder der Utopie. Er zeigt junge Erwachsene auf der Suche nach ihrer beruflichen Zukunft, in Studium oder Ausbildung, mit mehr oder weniger klaren Zielen und Träumen. Sie treffen sich wieder und besuchen gemeinsam ihre alte Schule. Sie schauen zurück auf den Film Klassenleben und erzählen über ihre Erfahrungen damals und was sie bis zum heutigen Tag mitgenommen haben. Als Individuen und als Teile eines Systems.
Konzept
Jede:r Protagonist:in wird ein Stück weit einzeln begleitet, erzählt von sich, über das Jetzt und das Damals. Diese Person trifft schließlich eine:n weitere:n Protagonist:in und sie sprechen im Dialog über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über Szenen aus dem vorherigen Film, ihre Kindheit und ihre mögliche Zukunft. Diese Kette der Einzel- und Zwiegespräche führt die Geschichte bis zum gemeinsamen Treffen aller Mitwirkenden am Schluss. Der rote Faden zieht sich über die beruflichen Ziele, der Weg der schulischen und beruflichen Ausbildung ist also im Fokus. Am Rande werden familiäre oder andere Themen erzählt.
Protagonist:innen
Wir werden sehr nah zu den Gedanken und Gefühlen der einzelnen Protagonist:innen mitgenommen.

Da ist Luca, die künstlerisch begabte Studentin, die sich für die Vernunft und ein wissenschaftliches Studium entschied. Sie trifft auf Dennis, den Musical-Darsteller in Ausbildung, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Schon als Kind sieht man ihn forsch und mutig, manche mögen es „vorlaut“ nennen, in Erscheinung treten.

Dennis wiederum trifft Christian, den sensiblen Wirtschaftsstudenten, der gerade dabei ist, seine Pläne zu modifizieren. Er erzählt über seine Unsicherheit damals und wie er sich seit der Grundschulzeit verändert hat. Sein zu Schulzeiten bester Freund Marvin beschreibt seinen Weg zu Gott und seinen Wunsch nach einem vernünftig bezahlten Job.

Marvin trifft die herzliche und empathische Johanna, die ganz klar in ihrem Ziel ist, mit behinderten Menschen zu arbeiten, seit sie ein Praktikum in diesem Bereich absolviert hat. Sie schließlich besucht Natalie, eine vor Herzenswärme und Ehrlichkeit sprudelnde junge Frau, die sich nach einem eigenständigeren Leben sehnt und ein Praktikum in der Großküche absolviert.
So unterschiedlich die einzelnen Personen und Persönlichkeiten sind, so verbunden scheinen sie auch nach dieser langen Zeit noch zu sein.
Menschen mit Behinderung
„Behinderte gibt es nicht“
Marvin im Film „Kinder der Utopie“
Marvin und Johanna sprechen darüber, dass sie das Wort ‚behindert‘ nicht besonders mögen. Sie würden ‚Behinderte‘ lieber durch ‚Menschen mit Beeinträchtigung‘ oder ‚Einschränkung‘ ersetzen. Viele Menschen mit Behinderung (MmB) sehen das möglicherweise etwas anders, gestehen dem Begriff eher eine beschreibende Funktion zu.
„Es scheint in der kulturellen Mitte der Deutschen fest verankert zu sein, dass man das Wort ‚behindert‘ nicht sagen darf. Menschen mit Behinderung hingegen empfinden den Begriff oft als eine Tatsachenbeschreibung. Wichtig ist dabei, dass man oftmals eher behindert wird als ist – durch Barrieren im Umfeld. Aber ‚behindert‘ ist erstmal eine Beschreibung.“
Raul Krauthausen ((https://www.n-tv.de/leben/Sagen-Sie-ruhig-behindert–article21009690.html))
Dennoch lasse ich es hier einfach mal so stehen. Für die beiden fühlt es sich wie ein Stigma an, und durch die Umformulierung fühlen sie sich stärker, sich gegen Widrigkeiten durchzusetzen und ihre Ziele zu erreichen. Johanna und ihre Mutter hätten lange gekämpft, dass sie nicht als körperlich oder lernbehindert eingestuft wird. Dies war ihr sehr wichtig.
Drei der Protagonist:innen gelten oder galten als „behindert“. Der Film definiert dies nicht explizit. Es geht hier um sechs Menschen, die ihre Stärken kennen und ihre Schwächen akzeptieren. Er zeigt die fließenden Grenzen und man stellt in Frage, was „behindert“ letztlich überhaupt bedeutet. Wie individuell und unspezifisch dieses eine Wort doch eigentlich ist.
Das im Film gezeigte Umfeld (Natalies Praktikumsplatz, Marvins Kirche, Johannas Ausbildungsplatz) ist – anknüpfend an die Inklusion in der Schulklasse – ebenfalls inklusiv, wohlwollend, freundlich und hilfsbereit dargestellt.
Es geht nicht um das Scheitern, nicht um Hürden, Widrigkeiten oder Probleme. Die Geschichte, die erzählt wird, lebt vom Vorankommen, von freien Entscheidungen und Möglichkeiten. Hier und dort wird angedeutet, wie nicht perfekt (noch) einiges ist. Marvin, dessen Gehalt nicht für das noch immer bescheidene Leben reicht, das er gern führen würde, oder Johanna, die geduldig in der Altenpflege lernt, obwohl sie so gern in den Bereich Menschen mit Behinderung wechseln möchte. Das große Ganze ist von Optimismus geprägt und feiert die Gemeinschaft, die im Zuge der Inklusion gebundener scheint als „normal“.
Filmtitel
Im anschließenden Filmgespräch fiel die Bemerkung, dass der Titel eigentlich falsch gewählt sei, denn die Inklusion sei bereits Realität.
Die Kinder der Utopie bezieht sich aus meiner Sicht deutlich auf die damaligen Kinder des Films Klassenleben. Damals waren sie Pioniere bzw. Teil eines zukunftsträchtigen Projektes. Utopie im Sinne von „das konnte man sich damals noch gar nicht vorstellen, dass so etwas funktionieren könnte“. Und in der Tat hat sich mittlerweile anscheinend einiges in diesem Bereich getan.
#nixklusion ?
Ich jedoch wurde auf den Aktionsabend aufmerksam, weil ich Diskussionen verfolgte, wie der verzweifelte Kampf um Anerkennung, um echte Inklusion und gegen Diskriminierung in dieser Gesellschaft noch immer und vorausblickend um so mehr notwendig ist. Viel zu oft herrscht #nixklusion. Fehlende Bereitschaft, fehlende Kompetenz, fehlendes Verständnis, fehlende Infrastruktur, fehlende Empathie … machen das Thema Inklusion weit utopischer als es eigentlich sein sollte.

Dennoch, der Film formuliert sein Anliegen positiv. Er sagt: „Seht her, was Inklusion schafft.“ Er zeigt Menschen, weckt Empathie und bringt uns ganz nahe. Ich denke, es ist das, was der Film schaffen möchte: Zuschauer:innen, die aus Skepsis und Unwissenheit über ein inklusives Leben Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung empfunden haben, diese (neue) Perspektive zu eröffnen. Ganz ohne zu überreden oder zu überzeugen.
„Wir haben lange über den Filmtitel nachgedacht. Der Film soll auch die Menschen einladen, die Inklusion kritisch sehen. Schließlich muss das Thema diskutiert werden. Hätten wir den Film „Die Kinder der Inklusion“ oder „Wie Inklusion gelingt“ genannt, hätte man uns vorwerfen können, das sei eine Propaganda-Schlacht. Die wollen wir aber gar nicht führen.“
Raul Krauthausen ((https://www.n-tv.de/leben/Sagen-Sie-ruhig-behindert–article21009690.html))
Ort der Inklusion – das System Schule
Als zu der Zeit (2005) einzige Klasse an dieser (Regel-)Schule bot die in den Filmen vorgestellte ein umfassend inklusives Lernumfeld. Neben dem regulären Unterricht habe es zum Beispiel Theater-, Körper- und Konzentrations-Einheiten gegeben. Im klassischen Unterricht wurde das Lerntempo des:der Einzelnen berücksichtigt und gegenseitige Hilfestellungen gefördert. Ein Kind mit besonders starken Einschränkungen wurde sensorisch und sozial mit in diese Übungen integriert. Ein barrierefreies Umfeld war gegeben.
Die Schüler:innen beschreiben, wie sehr ihnen die Akzeptanz der unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten geholfen hat, und wie anders es sich dann nach der Schule anfühlte. Inklusion habe ihnen Toleranz unterschiedlichsten Menschen gegenüber gelehrt. Dass der Umgang miteinander deutlich anders verlief als bei anderen Klassen, habe sich im direkten Vergleich mit der übrigen Schule gezeigt: Witze auf Kosten behinderter Menschen seien andernorts gang und gäbe gewesen, in dieser Klasse jedoch nie vorgekommen.
Erziehungs-Faktor
Dennoch wird in der Rückschau deutlich das klassische System Schule spürbar. Letztlich geht es um Leistung und um Noten. Um das „etwas werden“. Das Lehrpersonal lobt und tadelt, benotet mehr oder weniger „fair“ bzw. u.a. aus Missverständnissen heraus schlechter als möglicherweise angemessen. Christian beispielsweise fühlte sich unverstanden und nicht gesehen. Er litt unter dem Druck, der seine persönliche Unsicherheit als Mobbingopfer ((Christian ist in der vierten Klasse erst zur Klassengemeinschaft gestoßen. Ich nehme an, dass sich das Mobbing auf seiner vorigen Schule abgespielt hat.)) nur verstärkte. Fehlender Teamgeist wurde bei Dennis geahndet. „Das war das Beste, das ich bisher von dir gehört habe“, war Johanna gegenüber sicher wertschätzend gemeint.
Von meinem Standpunkt und mit dem Film „CaRabA“ im Hinterkopf liegt mir persönlich die klassische Schulerziehung parallel zum Visionären, das ich sehe und empfinde, als Kloß im Hals.
Das Konzept „dumm“/„klug“
Der Film, in erster Linie Klassenleben, kokettiert mit dem Begriff „dumm“. Auf mangelnde geistige und etymologisch auch körperliche („tumb“: „taub“/„stumm“) Leistung anspielend, wird der Begriff mittlerweile als ableistisch eingestuft. Das Bewusstsein für dessen alltägliche Vermeidung und für die Verwendung von Alternativen wird allmählich geschärft.
Dennis (als Kind) scherzt beim Lösen der Aufgaben: „Du bist dumm. Ich bin eure Rettung.“ Im Kontext des neuen Films wird der Spruch des Kindes dem tolerant denkenden Erwachsenen (unkommentiert) gegenübergestellt. Für Inklusion im Heute wäre natürlich eine Besprechung des Begriffes wichtig.
An anderer Stelle treffen wir auf mehr Augenhöhe, als Christian seinem Freund Marvin beim Lernen im Museum hilft: „Was ist das für ein Tier?“ – „Ein Esel?“ – „Ein Stier. Weißt du auch, welcher Gott das sein soll?“ – „Nein.“ – „Ich auch nicht.“
[CN/TW (gespielte) Gewalt an Kindern (durch Kinder) und Rassismus]
Ein etwas größeres Fragezeichen hat bei mir die Darstellung eines Theaterstückes im Film Klassenleben erzeugt: Die Schüler:innen spielen scherzhaft eine historische Schulklasse nach, die „dumme Schüler“ mit Rohrstockschlägen bestraft. Dennis überzeichnet in seiner Rolle „Dummheit“ mit übertrieben falschen Antworten und bekommt dafür „den Hintern versohlt“. Natalie (MmB) betritt als Lehrerin den Raum mit den Worten: „Ruhe, das ist ja wie bei den N***** im Urwald“ (das N-Wort ausformuliert). An dieser Stelle bin ich ins Stocken geraten.
Filmisch versuche ich es mir herzuleiten, dass auch hier die kindlich-naive Sicht auf das Thema Lernen und Intelligenz sowie „Minderwertigkeit“ persifliert wird und dass die Inklusion lebenden Schüler:innen sich selbst aufs Korn nehmen. Toleranz ist ja quasi vorausgesetzt. Es wird im Rahmen des Films nicht deutlich, ob damals im schulischen Kontext besprochen wurde, in wie weit Ableismus und Rassismus für viele Menschen tödlich war (und ist), für viele Kinder der Schulklasse gewesen wäre. Wie wenig akzeptabel Gewalt gegen Kinder ist. Vielleicht muss ich auch erst den Film Klassenleben komplett sehen, um den Zusammenhang dieses Ausschnitts genauer zu verstehen. Natürlich zeigt „Kinder der Utopie“, dass aus den Kindern tolerante und emphatische Erwachsene geworden sind. Vielleicht will der Film auch gerade auf den noch vor zwölf Jahren üblichen flapsigen Umgang mit dem Thema hinweisen. Ich bin mir da unsicher. Mir ist jedenfalls das Lachen im Hals stecken geblieben.
[CN/TW Ende]
Sein und Werden
Am Werden hangelt sich der Film entlang: An der Bildung, die für alle Menschen offen steht, was und wie sie auch sein mögen. Welche Leistung kann ich bringen? Was wird später aus mir? Was mache ich beruflich? „Wie nähere ich mich über ein Studium der Fragestellung, die mich interessiert?“, fragt sich Christian.
Während die Protagonist:innen ohne Behinderung tendenziell mehr Probleme zu haben scheinen, ein reales Ziel zu definieren, haben diejenigen mit Behinderung schon klarere und nähere Ziele vor Augen.
„Es gibt da zum Beispiel Luca, die Fotografin werden möchte, sich aber nicht getraut hat, sich für ein Fotografiestudium zu bewerben. Sie lebt ohne Behinderung, hat alle Chancen – und hat sich nicht getraut. Dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, betrifft alle.“
Raul Krauthausen ((https://www.n-tv.de/leben/Sagen-Sie-ruhig-behindert–article21009690.html))
Die Werdegänge unterscheiden sich voneinander und doch sind sich die jungen Menschen gar nicht so unähnlich. Der Wunsch nach Unabhängigkeit, sich vom Elternhaus zu lösen und den eigenen, individuell passenden Weg zu finden.
Liegt die Antwort vielleicht im Sein statt im Werden?
Heilung
Marvin findet seinen Platz in der Church of Berlin, einer internationalen (christlichen) Kirchengemeinschaft. Er fühlt sich dort geborgen, gesehen, angenommen. Die modernen und lebendigen Gottesdienste machen ihn glücklich. Wir wohnen seiner Taufe bei. Ein Kirchenmitglied verspricht ihm für die Heilung seines Rückenleidens und seine Behinderung allgemein (ich bin mir über die genaue Formulierung hier nicht mehr sicher) zu beten.
Die Suggestion, dass alle Krankheiten und Behinderungen durch Gottes Beistand geheilt werden können (oder sollten?), finde ich problematisch. Zum einen sehe ich mit warmem Herzen Marvin glücklich in der Gemeinschaft und mit Gott einen Anker im Leben gefunden zu haben. Andererseits mache ich mir Sorgen, was dieses Bild mit der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft macht.
Der Film nimmt diese Szene bewusst mit auf, als meines Erachtens einen weiteren Aspekt, eine weitere Möglichkeit, über Behinderung nachzudenken.
Er thematisiert auch den Tod der gemeinsamen Schulfreundin, an deren Grab sich die Gruppe am Ende des Films trifft. Krankheit und Behinderung als Teil des vergänglichen Lebens. Der Tod als Bewusstmachung dessen, was Behinderung eben auch bedeuten kann.
Fazit
Die Kinder der Utopie hat mich positiv berührt. Es war eine Freunde, die Protagonist:innen zu begleiten und an ihren Gedanken teilzuhaben. Die individuellen Menschen stehen im Vordergrund.
Die Persönlichkeiten der Mitwirkenden sind sehr angenehm und man ist ihnen nah. Wir als Zuschauer:innen nehmen am Miteinander, der Gemeinschaft, den Gedanken, Gefühlen, Sorgen und Träumen teil. Ich konnte mitfühlen und bin dankbar für den Einblick in dieses Projekt und in ein Stückchen Leben der Protagonist:innen. In ihr Ringen um das Selbst, das Sein und das Werden.
Die starke Verbundenheit ist beeindruckend, nach all den Jahren. Wenn ich über meine Klassentreffen nachdenke, wäre es schön, auch nur halb so viel davon zu haben.
Technisch gesehen
Der Film verknüpft die Erzählstränge sehr geschickt und greift später auf, was vorher schon angedeutet wurde („Säen und Ernten“). Es macht Spaß, der Erzählung zu folgen. Bilder, Kameraführung und Musik, die zum Teil ja auch vom Musical-Darsteller Dennis selbst kommt, gefallen mir sehr als filmische Gesamtkomposition.

Die Dialoge und Monologe sind authentisch und klug. Was gesagt wird, ist relevant. Ich mag den feinen Witz, der pointiert eingestreut ist.
The Sunny Side
Der Film schafft Empathie, ohne Mitleid zu erregen. Er ist in meinen Augen feinfühlig, authentisch und ehrlich. Er zeigt auch, dass Inklusion keine Patentlösung für alles ist. So bleibt beispielsweise Unsicherheit, was die Zukunft betrifft, bei allen Beteiligten.
Im Detail, und sicher bewusst, fehlen die Probleme, Hürden, Hindernisse, Steine, Unmöglichkeiten, die Unfairnis, der Ausschluss, die Diskriminierung …, all das, was im realen Leben der MmB sicher noch zu häufig und zu alltäglich ist.
Ziel
Ich gehe davon aus, dass der Film eine gute Brücke schafft, um beispielsweise nicht-behinderte Menschen mit Berührungsängsten oder Skepsis mit dem Thema Inklusion (positiv) vertraut zu machen. Er bietet einen Einblick in die inklusive Gesellschaft, einen Ausblick darauf, was noch alles möglich ist. Getupfte Momente positiver und funktionierender Inklusion.
Mir persönlich hat der Film rückblickend auf meine eigene Schulzeit wehmütig verdeutlicht, was unserer halbherzig-integrativen Klasse damals fehlte.
Vorrangig aber zeigt er Portraits wundervoller junger Menschen.
Bilder: https://www.diekinderderutopie.de/presse
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[nextpage title=“Nachwort zum Filmgespräch“]
Die Kinder der Utopie – Deutschlandweiter Aktionsabend am 15. Mai 2019
In der von mir besuchten Filmvorstellung wurden einige Personen eingeladen, im Anschluss dem Publikum ihre Sicht auf den Film mitzuteilen. Dies waren Menschen mit Behinderung oder Menschen, die im Bereich schulischer Inklusion arbeiten. Freie Fragen aus dem Publikum waren irgendwie nicht vorgesehen.
Es gab Berichte, wie in den 50er Jahren an Inklusion noch nicht zu denken war und welche Hürden individuell genommen werden mussten. Über das eigene Erleben von Inklusion, das den sozialen Zusammenhalt fördere. Wertschätzende Worte an die talentierte Lehrperson im Film, die es geschafft habe, diesen lang währenden Zusammenhalt zu kreieren. Die Bestätigung, dass man sich nach einer guten Schulzeit beim Übergang zum Berufsleben ins kalte Wasser geworfen fühlte. Als Antwort auf die Frage nach „Erfolgsgeschichten“ aus dem inklusiven Schulbereich, diese Wertung doch besser den einzelnen Schüler:innen zu überlassen.
In diesem Gespräch fehlte mir etwas die differenzierte Betrachtung von Inklusion und tendenziell exklusiven Einrichtungen wie zum Beispiel Behindertenwerkstätten oder Förderschulen. Die hiesige Behindertenwerkstatt wurde im Gespräch – zwar über interne und externe Arbeitsplätze definiert – als Einrichtung vorgestellt, als Ort, an dem sich Betroffene bzw. Eltern ihre Kinder sicher und beruflich vorerst gut aufgehoben einordnen. Die Diskussion um Inklusion vs. Integration und #nixklusion fehlte.
Zwar habe ich wenig Einblick in die konkrete Arbeit der (lokalen) Institutionen und Vereine, bin selbst auch nicht direkt betroffen, aus den Diskussionen im Vorfeld und die über die sozialen Medien geteilten zahlreichen Erfahrungen von MmB, hatte ich etwas mehr diese Richtung erwartet.
[nextpage title=“Assoziation zu meiner Schulzeit“]
Ich lebe ohne Behinderung.
In meiner Grundschulklasse (Mitte bis Ende 80er) gab es ein Kind, das im Lernen langsamer war als wir alle anderen. Es hat es niemals geschafft, seine Bücher und Hefte des vorherigen Faches wieder in die Tasche zu packen, um die neuen herauszuholen. Es hatte immer den gesamten Tisch voller Materialien liegen. Die Tinte kleckste aus dem Füller, weil es stets zu stark aufdrückte. Brote und Getränke lagen auf den Heften. Das Lesen ging nicht flüssig. Es stotterte. Und auch die körperlichen Anforderungen des Sportunterrichts waren für das Kind schwierig.
Die Lehrerin hatte resigniert und war froh, wenn es irgendwie beschäftigt war. Diagnosen gab es wohl noch nicht. Es wurde so mit „durchgeschleift“. Später wechselte es auf eine Förderschule, die damals noch „Sonderschule“ hieß, und war dort schließlich glücklich und leistungsstark.
Das Kind war in unserer Schule Hänseleien ausgesetzt. Ich schäme mich, damals durchgehend genervt und frustriert gewesen zu sein, weil es den Unterricht gebremst hat und ich nicht so schnell lernen konnte, wie ich wollte. Ich hatte nicht verstanden. Ich konnte mit dem Kind nicht viel anfangen. Auch der (eher einseitige) Versuch uns zu befreunden scheiterte. Heute weiß ich, das System war falsch, sowohl für das Kind als auch für mich.
Ab der fünften Klasse besuchte ich eine „Integrierte Gesamtschule“. Die Hauptfächer (Mathe, Deutsch, Englisch) waren ab der sechsten Klasse getrennt (in Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig), die anderen Fächer waren bis zur achten Klasse gemischt. Gut gedacht, miserabel gemacht. Mein Ärger zog sich weiter. Überfordertes Lehrpersonal hantierte mit reinen Beschäftigungsarbeiten, weil es mit der Klassendynamik mit massiv unterschiedlichen Leveln und Temperamenten nicht umgehen konnte. Genervte Kommentare auch von den Lehrenden, Augenrollen, willkürliches Gekreisch, um die „Störenfriede“ zur Ruhe zu bringen … habe ich als tägliche Umgangsform mit den Schüler:innen kennengelernt, die mehr Zeit und Zuwendung zum Lernen gebraucht hätten. Ich war froh, ab der neunten Klasse endlich mit Schüler:innen mit ähnlichem Lernlevel in meinem Tempo vorangehen zu können. Eine miese Bilanz.
Wir wurden nicht darin unterrichtet, miteinander sozial zu sein, es gab kein Team, es gab keine gegenseitige Hilfe. Letztlich war längst der Wille zum Lernen der „schwächeren“ Schüler:innen verschwunden. Man hatte sie aufgegeben. Das wiederum spiegelte sich immer mehr in ihrem Verhalten. Ich habe hin und wieder ihre Aufgabenblätter oder „vergessenen“ Hausaufgaben für sie gelöst.
So war für mich der Film Die Kinder der Utopie auch ein sehnsüchtiges Zurückblicken auf einen Weg, wie er hätte sein können, wäre die Gesellschaft damals schon so weit gewesen, wie die Berliner Schule 2005. Das bedingungslose Miteinander, die Wertschätzung, Toleranz allen Menschen gegenüber. Ich empfinde es als einen massiven Unterschied, ob man erzählt bekommt „sei tolerant“ oder es aktiv lebt, mit allen alltäglichen Herausforderungen, die das mit sich bringt.
Als ich eben auf der Website meiner alten Schule unter dem Punkt „Inklusion“ nachgeschlagen habe, war ich zuerst froh, diesen dort gefunden zu haben, andererseits klingt der vom Schulleiter verfasste Text dazu meiner Meinung nach eher nach einem Entschuldigungsschreiben für möglicherweise verärgerte Eltern (also quasi mich), deren Kinder nun von Gesetzes wegen mit Inklusion konfrontiert werden. Nach Herausforderungen und Unannehmlichkeiten. „Inklusiv“ steht in Anführungszeichen gesetzt und so klingt es auch. Nicht ein Wort über die dringende Notwendigkeit und die Chancen für alle.
Schade. Utopie eben.