Ich sehe was, was du nicht siehst | Teil 3 – #Elternschule

Intro

Contents

IV. Fazit

Zusammenfassung

Der auf den ersten Blick solide, unspektakulär und nüchtern wirkende Dokumentarfilm Elternschule erzählt eine Wahrheit, die auf einem pseudo-wissenschaftlichen Fundament (das der Germanischen Neuen Medizin) basiert. Ohne dies überhaupt zu erwähnen, wohlgemerkt. Er zeigt Kinder, die von Therapeut:innen über Wochen hinweg zu Heilungszwecken bewusst in massiven Stress versetzt werden.

Als Idee funktioniert Elternschule, weil der Film sich eines Themas annimmt, das allgegenwärtig ist. Er macht sich die Verunsicherung und die Angst von Eltern und pädagogischem Personal zunutze, um die Grundprinzipien einer Methodik als funktionales System zu verkaufen, die aufgrund ihrer Herleitung sowie generellen Prägung des Bildes vom „Kind“ als solches jedoch mit äußerster Vorsicht zu genießen wäre.

Das Setting des Films ist wie die Methodik selbst ein geschlossenes System, eine geschlossene Einheit. Das therapeutische Prinzip wird nur dort angewandt, es gibt keine unabhängigen Langzeitstudien. Der Blick über den Tellerrand fehlt. Einige, auch filmische, Elemente lassen die Einrichtung auf mich sektiererisch wirken. 

Die Perspektivwahl der Klinik, der Fokus auf Herrn Langer als Frontmann, die dramatisierenden Elemente – die Erfolgsgeschichte, die im Knuspern eines Brötchens, dem durchschrittenen Labyrinth, Erlösung findet: es ist Werbung fürs System. Herr Langer ist Geschäftsmann. Er verkauft das Prinzip im Rahmen seines nunmehr expandierten „Elternführerscheins“. Der Film erzählt vom Erfolg.

Herr Langer, der charismatische Haupt-Protagonist, verkörpert als geschickter Redner Kompetenz. Es ist schwer, ihm nicht zu glauben. Er ist der „Zauberer“, die idealisierte Vater-Figur. Seine Monologe verbreiten die Lehre. Kreidezeichnungen an schulgrüner Tafel untermauern seine Seriosität. Seine „Gehilf:innen“, also das Personal, halte ich in ihrem professionalisierten emotionalen Nullzustand für keine adäquate Hilfe für Kinder, denen ohnehin emotionaler Halt fehlt.

Der Fokus liegt auf Trennung, auf ‚oder‘ statt ‚und‘ („er oder ich“). Und auf den Stellschrauben am (Objekt) Kind als Werkstück oder Fahrzeug. Während Herr Langer kindliches Verhalten defizitorientiert betrachtet und ein kindliches Feindbild mit Waffen und Kämpfen zeichnet, objektiviert auch der Film das Kind als solches und spricht ihm (und der Familie) das Recht auf individuelle Betrachtung differenzierter Probleme ab. Stilistisch zeichnet er das Kind als „Zombie“. Das erzählerische Schnipselwerk endet in einer Pauschalisierung, die nur noch die Therapie selbst toppen kann.

Der Film bedient sich eines gesellschaftlichen Problems, das er durch filmische Mittel zu dramatisieren weiß. Die Rückübertragung der Lösung stellt in meinen Augen eine Gefahr für das Bild des Kindes in unserer Gesellschaft dar. Diese erfolgt durch die konsequente Nutzung des Klassenzimmer-Motivs, das in seinem frontal ausgerichteten Charakter nicht das einzige rückschrittlich orientierte Element dieses Films bleibt. Mit steinalten Videos und überkommenen Erziehungsvorstellungen bildet der Film kein modernes Leben mit Kindern ab, auch wenn Elternschule wohl diesen Eindruck erwecken soll. Computerüberwachte Nachtsichtkameras mit grün leuchtenden Vierecken suggerieren Modernität und wirken auf mich doch beängstigend militärisch. Rückschritt als Fortschritt. Die realen modernen Sichtweisen hingegen werden im Film und in der Methodik als Gefahr dargestellt, als Ursache des Übels.

Die Tonebene (Stresserhöhung durch schreiende Kinder) und die Bildebene (verzerrte Gesichter weinender Kinder in Zeitlupe) ziehen das Publikum emotional hinein in die Problematik. Generell nutzt der Film provokative und plakative Elemente, die der angepriesenen Methodik zugute kommen. 

Mystische Klänge – Mystifizierung des Kindes? Dass eine kindliche Musik das Schreien des Kindes überblendet, das gegen seinen Willen spazieren gezogen wird, ist reichlich perfide.

Des Weiteren nutzen der Film wie die Therapieeinrichtung selbst zahlreiche euphemistische Bilder und Begriffe, die schweres psychisches Leiden a.k.a. „gestörtes Verhalten“ der Kinder (u. a. durch die Therapie selbst ausgelöst) verniedlicht und verharmlost. Auf weiterer sprachlicher Ebene werden die (durch den hergeleiteten Ausnahmezustand begründeten) rigorosen, handfesten („Führung spüren“, „Kontrolle“/„Kontrollverlust“, …) und in der „sportlichen“ Metaphorik verorteten Maßnahmen („Gas geben“, „Trainieren“, „fit werden“, „Trennungstraining“, „vertrödeln“ …) einseitig eingeordnet. Sport und Handwerk als maßgebende Metaphorik – der Fokus ist auf (körperliche) Leistungsfähigkeit/-bereitschaft und Zupacken ausgerichtet. „Nicht quatschen, machen.“

Die therapeutische Praxis, die der Film darstellt, bietet aus meiner Sicht einen grundlegend schädlichen Umgang mit der kindlichen Psyche. Das bestätigen auch Fachleute aus dem medizinischen, pädagogischen und psychologischen Sektor. Das übergriffige Verhalten Erwachsener gegenüber Kindern, das forcierte, ja gezwungene Essen, Bewegen, Trennen … Aus (nicht meiner) Erwachsenensicht wohl dringend nötig. Die Kinder haben keine Chance, dagegen anzukommen. Das gutzuheißen gehört meiner Meinung nach in keinen Film. Die angebliche Heilung des familiären Gefüges halte ich für eine Inszenierung innerhalb des Systems. Die Korrelation zwischen unbehandelten Themen der gesamten Familie bzw. derer einzelner Mitglieder wird nicht berücksichtigt, das Verhalten des Kindes als Indiz für tiefergreifende Probleme im Beziehungsgeflecht unterschlagen.

Die Kinder, die als einzige im Film den Blick direkt in die Kamera richten, ziehen die Zuschauer:innen aus dem filmischen Kontext heraus in die reale Welt. Welcher Wahrheit wir vertrauen, ist nun uns überlassen.

Macht Filme, die dieser Welt gut tun. Seid bissig, sarkastisch, komponiert starke Bilder, poetische Erzählungen, macht Fiktion, Dokumentation, zeigt Liebe, Hass, Gefühle oder nicht, Gewalt oder nicht, erzählt es leise oder laut, … völlig egal. Aber gebt Acht, auf wessen Kosten ihr arbeitet.

Through the Looking-Glass, and What Alice Found There

Es ist ein bisschen wie mit diesen Polfiter-Brillen: Passen gesendete Information und Polarisierung nicht zusammen, bleibt der Filmgenuss aus. Während die einen den anderen vorwerfen mögen, die Brille falsch herum aufgesetzt zu haben, sage ich […], dass der Film vergisst, den zweiten Kanal zu bespielen. Das kann man drehen und wenden wie man will – es bleibt zweieindimensional.

siehe Vorwort
Zupacken vs. Zuwenden

Ich stehe – glücklicherweise nicht allein – hinter (oder vor) den Spiegeln und beobachte, was auf der anderen Seite vor sich geht. Es ist eine andere Welt, die von der meinen nichts wissen möchte. Sie ähneln sich zu sehr, die Welten, nutzen gar die selben Ressourcen – das macht die Angelegenheit heikel –, und doch könnten sie sich fremder nicht sein. Die Grundprinzipien unterscheiden sich zu sehr. Während der Film nun von dieser seiner Welt erzählt, wie es „richtig“ und „gut“ ist, sehe ich, wie (spiegel-)verkehrt die Details wirken. Was gesagt wird, was gezeigt wird, was gesagt werden soll und was gezeigt werden will, ist aus meiner Perspektive ein verzerrtes Bild einer möglichen Realität. An dieser möchte ich persönlich nicht teilhaben. Der Streit darum, wessen Welt nun die wahre ist, scheint mühsam, überstrapaziert und falsch in seiner Pauschalität. Derzeit wäre ich froh, wenn mein Standpunkt überhaupt in seiner berechtigten Existenz und wahren Beschaffenheit wahrgenommen würde. 

Dennoch kann ich nicht einfach schweigen und „abschalten“, wenn mir das Programm nicht gefällt. Weit über das Gefühl hinaus, in dem, was unser gemeinsames Leben ausmacht, stigmatisiert worden zu sein, sehe ich das Unrecht, das den Kindern in dieser Einrichtung widerfährt. Das ich als Gewalt beim Namen nenne, wo andere nur liebevolle Konsequenz zu sehen meinen. Mein ethisches Empfinden wird durch diesen Film überstrapaziert.

Dass der heftige Gegenwind die für das Projekt verantwortlichen Personen so überraschend getroffen hat, wundert mich mittlerweile nicht mehr so sehr. Sie haben sich verzaubern lassen von einer charismatisch erscheinenden Person und einer effektvollen Methodik. Innerhalb dieser Welt haben sie recherchiert und hantiert, dabei aber vergessen, über den Tellerrand zu schauen. Sie hatten sich einen Mehrwert fürs Publikum vorgestellt. Dass aber im Kinosaal auch Menschen sitzen, welche die „Zaubertricks“ hinterfragen und kritisch bewerten, hätte allein aufgrund des Themas und ein bisschen weiterführenderer Recherche (und die gehört für mich – auch in die Gegenrichtung – ganz an den Anfang eines Filmprojektes) vorhersehbar sein können. Dass andere etwas zwischen den Bildzeilen lesen, das in der intendierten Klarheit dort nicht sein sollte, ist ärgerlich. „Hineininterpretieren“ wird wahrscheinlich eins der Worte sein, das auch ich zu lesen bekommen werde. Sie verstehen nicht und wollen wohl auch nicht verstehen, welche Detailwahrnehmung und welche Grundhaltung dahinter steht.

Das System ist in sich schlüssig, irgendwie effektvoll und das Publikum, ein großer Teil dessen zumindest, erkennt sich und als gesellschaftlich relevant empfundene Probleme wieder, fühlt sich emotional bewegt und unterhalten. Das verstehe ich. Der Film erzählt auf solide Art, was die Filmemacher erzählen wollten. Zwischen flapsigen Kommentaren, humoristischen Fragmenten, etwas Kitsch, subtilem Pathos und einer Portion Überheblichkeit bewegt er sich innerhalb eines schweren und in der Tat wichtigen Themas.

Der Film klammert sich jedoch an Methoden fest, an denen der Zahn der Zeit nagt und beansprucht, einen Nerv der selbigen zu treffen. Nicht nur das angestaubte altbewährte Konzept, sondern insbesondere dessen obskure Wurzeln, gehören nicht als Mitgebsel für eine gute Elternschaft in einen Kinofilm, der schließlich als DVD und TV-Auswertung in deutschen Haushalten landet.

Ich beurteile den Film als zu wenig differenziert und finde die simplifizierten und pauschalisierten, dabei wenig wertschätzenden Aussagen über eine schützenswerte Gruppe Menschen (nein, nicht „AP-Anhänger“, sondern Kinder) enttäuschend und gefährlich. Die verzerrten Gesichter der in Slow Motion portraitierten Kinder stehen sinnbildlich für das traurige Bild des Kindes in der Gesellschaft.

So sehr ich die Not fühle, die diese (und viele andere) Eltern mit ihren Kindern haben und die Kinder selbst mit sich und ihren starken Gefühlen sowie im Familienkomplex, und so sehr ich das Bedürfnis nach Einfachheit und Klarheit nachvollziehen kann, sogar anerkenne, dass es den Familien[1]85 bis 87% nach eigenen Angaben am Ende ihrem Empfinden nach besser gehen mag, bleiben die Inhalte, Prozesse, Theorien, Therapien für mich auf dem Niveau der simplen bunten Buchstaben, die auf Leinwand gepinselt ihren Reminder präsentieren: „Nicht quatschen, machen“. Diese Sprüche und Vorgehensweisen mögen populär sein. Ich erwarte solche Statements (siehe auch „Wenn Kinder ihre Eltern dressieren“)[2]Titel eines im Film gezeigten Zeitungsartikels über die Station. Außerdem z. B. … Continue reading in bestimmten privaten Formaten oder Boulevardblättern. In einem solchen Film haben sie meiner Meinung nach jedoch nichts verloren, schon gar nicht als grundlegende Botschaft. Ein populistischer Versuch, eine Wissenschaft mit fragwürdigen Anteilen unters Volk zu bringen.

Der Film hat meine Grenzen, die er zu verteidigen predigt, deutlich überschritten.

Mein (letztes) Wort: an Eltern (und Kinder)

Ich hoffe in diesem Schreiben genügend ausgedrückt zu haben, dass ich den im Film gezeigten Eltern sowie den liebenden Eltern im Publikum nur die besten Absichten ihren Kindern gegenüber unterstelle. Mein Fokus liegt allein auf dem Film.

Jeder Familie in der Krise empfehle ich, sich Hilfe zu suchen, am liebsten natürlich über eine der oben genannten Empfehlungen. Wichtig ist, sich nicht dafür zu schämen, wenn es nicht so läuft, wie es die Gesellschaft erwartet. Ihr seid nicht allein und werdet nicht verurteilt, wenn ihr um Rat fragt. Aber auch, wenn ihr (und eure Kinder!) euch mit der Methodik – nach ausreichend Information – in Gelsenkirchen oder anderswo wohl und sicher fühlt, dann ist es eben so, dann ist das euer Weg.

Eure Kinder sind wunderbar, auch wenn das hinter der Wut und dem Leiden nicht gleich erkennbar ist. Ich bin sicher, dass ihr euch für sie und euch die liebevollste und heilsamste Umgebung wünscht, die ihr verdient habt.

Ihr kleinen Helden seid großartig und tapfer. 

Alles Liebe und Gute euch allen. Ihr habt euch in euren verletzlichsten und schmerzhaftesten Momenten gezeigt, das war groß und mutig. Ich wertschätze jede:n Einzelne:n von euch und habe in der Nähe, die der Film zu euch hergestellt hat, tief mitgefühlt.

References

References
1 85 bis 87% nach eigenen Angaben
2 Titel eines im Film gezeigten Zeitungsartikels über die Station. Außerdem z. B. https://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/wenn-kinder-ihre-eltern-dressieren-experten-tipps-damit-ihnen-das-nicht-passiert-38213912.bild.html

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