The End

Tod, Sterben, Abschied & Trauer in medialen Darstellungen

Neben der Liebe ist der Tod das wohl wichtigste Motiv in Geschichten, Erzählungen, in Dramaturgie, Poesie und allen Kunstformen, die wir heute mit meinen, wenn wir „Medien“ sagen. Wohl nicht erst seit Romeo und Julia gehen Liebe und Tod Hand in Hand.

Tod & Dramaturgie

Aus dramaturgischer Sicht ist der Tod oft Mittel zum Zweck. Er steht stellvertretend für einen starken Auslöser, einen Umbruch, einen Wendepunkt und Katalysator, der die Held:in zum Handeln zwingt und die Geschichte initiiert oder voranbringt, vielleicht auch beendet. Kurz gesagt: Der Tod ist ein klassisches Mittel, die gewohnte Welt der Held:in auf den Kopf zu stellen.

„Kill the parents“

Besonders in Disney-Filmen fällt auf, dass in den ersten 15 Minuten sehr oft die Eltern sterben. Littlefoots Mutter in In einem Land vor unserer Zeit, Simbas Vater in Der König der Löwen, Nemos Mutter noch vor seinem Schlüpfen in Findet Nemo, Elsas und Annas Eltern in Die Eiskönigin, die von ihrer Reise nicht wiederkehren und Elsa damit auf den Thron zwingen. Auch die Grimm’schen Märchen beginnen klassisch mit der bösen Stiefmutter nach dem Tod mindestens eines Elternteils.

Beim dramaturgischen Schreiben für Kinder und Jugendliche lautet ein überspitzter Leitsatz: „Kill the parents.“ Wenngleich weder Disney noch die Märchen der Gebrüder Grimm ausschließlich für Kinder gedacht sind und waren, kann man dort diesen Effekt sehr eindeutig beobachten. Denn Kinder wollen kindliche Held:innen sehen, die ihren Weg eigenständig und ohne Erwachsene in einer Welt finden, die gerade für Kinder große Herausforderungen bereithält. Allerdings muss der Leitsatz nicht unbedingt wörtlich gemeint sein, sondern bezieht sich generell auf die Abwesenheit (geistig präsenter) erwachsener Figuren in Kinderfilmen.

Die Funktionen des Todes in medialen Darstellungen

Die Themen Tod, Sterben, Abschied und Trauer in medialen Darstellungen bieten Kindern wie Erwachsenen die Möglichkeit, sich ihnen in all dem Facettenreichtum zu nähern, der auch in der Wahrnehmung und Verarbeitung der Themen im realen Leben innewohnt.

In Krimis, Horrorfilmen oder Thrillern nimmt der (gewaltsame) Tod eine Ästhetik an, die schaurige Unterhaltung und Spannung verspricht. Hier nimmt der Tod eine eher abstrakte Rolle ein, während seine Darstellung möglichst realistisch im biologischen (pathologischen) Sinn sein soll. Die Zuschauer:innen fiebern mit und hoffen, dass das Böse am Ende besiegt wird.

Schwarze Komödien (im britischen Raum findet man diese besonders) stellen absurde Elemente von Todesfällen heraus, um mit (schwarzem) Humor und im Idealfall auch Feinfühligkeit übergeordnete Themen wie Freundschaft oder Familie zu erzählen – siehe zum Beispiel Lang lebe Ned Devine.

Das morbid-ästhetische nimmt auch Regisseur und Filmemacher Tim Burton auf. Seine düster-bunten (oder schwarz-weißen) Trickfilme wie Corpse Bride, Vincent, A Nightmare before Christmas oder Frankenweenie greifen Mythen und Erzählungen von Vampiren, Zombies, Totenwelten und eben Frankensteins Monster auf und übertragen sie in eine Art kindliches Denken und kindliche Wahrnehmung.[1]Bitte erst selbst anschauen und dann entscheiden, ob es für die (größeren) Kinder etwas ist.

Auf das aktive „Töten“ in Spielen zwischen Moorhuhn und diversen Egoshootern möchte ich hier nicht im Einzelnen eingehen, doch auch hier liegt eine (inter-)aktive Beschäftigung mit der Thematik vor, die jedoch als solche weit in den Hintergrund tritt.

Kurzfilme wie Overtime zollen Verstorbenen (wie in diesem Fall dem Muppets-Erfinder Jim Henson) Tribut.


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Und gerade im Bereich Kinderfilm und Kinderbuch haben wir großartige Möglichkeiten, mit unseren Kindern ins Gespräch zu kommen. Selbst wenn manche Darstellungen aus fachlicher und realistischer Sicht zwischen hanebüchen und klischeebehaftet schwanken mögen, sind diese zum einen dennoch ein guter Anlass, unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, und zum anderen sich aktiv mit der Vielfalt und den Perlen zu beschäftigen, die meiner Ansicht nach weitläufig in der Welt der Medien zu finden sind.

Kinder gut begleiten

Für Eltern und Begleitpersonen ist es besonders bei diesem sensiblen Thema wichtig, die Kinder in ihren Fragen und Ängsten gut zu begleiten. Dennoch sehe ich es als wichtigen Prozess und tolle Möglichkeit, sich im sicheren Rahmen und aus einer abstrakten Distanz den verschiedenen Facetten des Themas Tod zu nähern und sich emotional zu erproben.

Auch wenn konkrete Ängste oder ein realer Trauerfall verarbeitet werden wollen, sind Geschichten ideale Werkzeuge zur Begleitung.

„Stellt ein Kind schwierige Fragen,
ist es auch bereit für eine Antwort.“

Filme und Bücher helfen, das Tabu zu brechen und gesellschaftlich sichtbarer zu machen, Berührungsängste abzubauen.

Wir als Begleitpersonen müssen nicht aus dem Nichts das Gespräch suchen, sondern können uns mit Hilfe von Geschichten und der Wahrnehmung des Kindes bzw. unserer eigenen Wahrnehmung an die Thematik herantasten.

Tipps und Anregungen zur Begleitung von Kindern

  • Sei ehrlich und authentisch, aber entschärfe und objektiviere schwerwiegende Details wie schwere Verletzungen oder Schmerzen.
  • Finde und nutze Metaphern, zum Beispiel zur Vergänglichkeit, dem Kreislauf des Lebens und der Natur. Tipp: Die Metapher des Schlafens lieber nicht oder mit Bedacht wählen, weil sie Ängste auslösen kann.
  • Geht in die Natur und schaut euch Beispiele der Vergänglichkeit an. Beerdigt tote Insekten.
  • Binde dein Kind in den Prozess des Trauerns ein, schließe es nicht von Ritualen aus. Überrede es aber auf keinen Fall, wenn es nicht möchte, daran teilzunehmen.
  • Verbiete nicht kategorisch mediale Darstellungen vom Tod, aber bleibe im Kontakt mit deinem Kind, auch wenn es um wirklichkeits- und wertfremde Darstellungen geht.
  • Gib zu, wenn du keine Antwort weißt und stelle Gegenfragen: „Was denkst du?“
  • Rede deinem Kind keine eigenen Jenseitsvorstellungen aus. Die Phantasie ist Teil des Prozesses.
  • Erschrecke nicht vor makabren Fragen und Interesse an Details wie verwesenden Körpern.
  • Erfindet eure eigenen Abschiedsrituale.

Meine Kinder haben zwar noch keinen akuten Sterbefall erlebt, hatten aber eine intensive Phase, in der sie alles über ihre gestorbenen Urgroßeltern wissen wollten. Wie und warum sind sie gestorben? Wie sehen tote Menschen aus? Meine größere Tochter fragte einmal Siri „zeige mir Bilder von toten Menschen“. Siri hat das zum Glück nicht richtig verstanden. Wir hatten schon menschliche Skelette im Naturkundemuseum angeschaut, und ich hatte noch Fotos von der Ausgrabung eines alten Friedhofs auf einem zentralen Platz in meiner alten Heimatstadt. So hatten wir eine Geschichte, an der wir uns entlang bewegen konnten. Die Bildersuche im Internet habe ich dann durchgeführt und den Kindern nur einzelne ausgewählte Fotos gezeigt, die ihrem realen Interesse entsprachen. Es gilt ja auch erst einmal herauszufinden, worum es bei diesem Wunsch eigentlich geht. Um Anatomie oder den Moment des fehlenden Lebens …

Was ich aber glaube: Die Fragen nach den toten Urgroßeltern und das immer wieder und genauere Nachhaken kamen auch mit dadurch, dass ich zumindest in einem Fall nicht die „ganze Wahrheit“ offenlegen wollte. Sie merken, wie ich nach Worten ringe, und das ist ganz natürlich.

Filme & Bücher zum Thema Tod

Eine kleine Auswahl weiterer Beispiele medialer Produktionen, die sich mit dem Thema Tod, Abschied, Sterben und Trauer auf ganz unterschiedliche Art beschäftigen:

Für Erwachsene:

Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen

Hinter dem Horizont – Das Ende ist nur der Anfang

Big Fish von Tim Burton

Mein Leben ohne mich (Isabel Coixet)

Für Kinder:

Trudes Tier • Trällerhannes

König Opa von Martin Grau

The Kite von Martin Smatana

Coco (aktueller Lieblingsfilm unserer Familie; hier zeigt sich schön, wie kulturelle Unterschiede und Rituale zum Gespräch über den Tod anregen können)

Aktion Schulstunde zur ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“
Mit Videos, Materialien und Projektideen zum Sterben, dem Tod und dem „Danach“.

Eine Möhre für zwei – Folge 48 – Der Tod

Abschied von der Hülle – Die Sendung mit der Maus 2012 zur ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“

Der alte Dachs (nach dem Buch Leb wohl, lieber Dachs)


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Bücher:

Ente, Tod und Tulpe von Wolf Erlbruch (auch als animierter Kurzfilm)

Die schlaue Mama Sambona von Hermann Schulz und Tobias Krejtschi

Die besten Beerdigungen der Welt von Ulf Nilsson und Eva Eriksson (auch als animierter Kurzfilm)

Leb wohl, lieber Dachs von Susan Varley

Besonders gespannt bin ich auf Hallo, ich bin der kleine Tod von Anne Gröger, die den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 gewonnen hat.

Bedürfnisorientiert Sterben zulassen

Abschließend möchte ich aus Sicht der Filmemacherin darauf hinweisen, wie wichtig gerade für dieses Thema die intensive Recherche zur Entwicklung einer Geschichte ist. Wie wichtig die bedürfnisorientierte Begleitung sterbender Personen ist und wie sehr diese Werte von gesellschaftlicher Bedeutung sind. Mediale Produktionen haben in diesem Sinne eine Verantwortung, sich mit diesen Werten zu beschäftigen, auf Begleitende, Zugehörige[2]Danke an Thanatos Bestattung für diese Begriffs-Sensibilität, Sterbende zuzugehen, authentisch zu fühlen und zu begreifen. So können wir Vorurteile und Klischees minimieren und Medien als Chance nutzen, den Tod in all seinen Facetten zu sehen.


Dieser Blogartikel entstand in Inspiration durch den Kongress Bedürfnisorientiert Sterben zulassen von Corinna Nordhausen und Pia Schnurr von Traudichkeit, der vom 12. bis 22. November 2020 stattfindet.

References

References
1 Bitte erst selbst anschauen und dann entscheiden, ob es für die (größeren) Kinder etwas ist.
2 Danke an Thanatos Bestattung für diese Begriffs-Sensibilität

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