Ich sehe was, was du nicht siehst | Teil 1 – #Elternschule

II. Inhalt

Contents

Erzählstränge & Fallbeispiele

Anna

Anna (ca. 6 Jahre alt) verhält sich aggressiv, mindestens ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Emma gegenüber. Die Mutter ist verzweifelt. Sie berichtet, Anna sei unkontrolliert und habe ihre Schwester bereits eine lange Treppe hinunter geschubst. Sie esse sehr schlecht („Anna wird eine Sonde kriegen“). Wenn es so weiter gehe, komme Anna ins Heim, die Klinik sei der letzte Ausweg aus der Krise.

Während des Essens in der Kantine haut Anna ihrer Mutter auf den Po. Diese hält ihr darauf hin den Arm (sehr) fest und fixiert sie mit strengem Blick, wortlos. Anna dreht ihren Blick zur Seite. Sie drückt nach einer Weile Schmerz aus und bittet die Mutter, loszulassen. Diese lässt zunächst nicht von ihr ab.

Am Tisch sitzend mäkelt Anna am Essen herum. Dann wirft sie wütend eine Gabel Richtung Mutter an die Wand. Die Mutter nimmt ihr das weitere Besteck weg und räumt das Essen ab. Anna fleht und bittet um eine zweite Chance. Sie versucht die Mutter am Weggehen zu hindern. Die Mutter kämpft sich wortlos ihren Weg mit dem Tablett aus dem Bild. Die kleine Schwester, Emma, bleibt stumm essend am Tisch zurück.

Anna kratzt während einer Schweigezeit in einem der Therapieräume eine Turnmatte auf.

Annas Mutter wird nahegelegt, das „konsequente“ Verhalten auch zu Hause anzuwenden und die Denkweise über das Kind zu verändern (Kind verhält sich aus Strategie negativ gegen die Eltern).

Zur Nachbesprechung (vergangene Zeit unbestimmt) wird deutlich: es läuft „gemischt“. Anna randaliert trotz „liebevoll-konsequenter Erziehung“ immer noch, läuft weg, tritt und haut. Die Geschwisterstreitigkeiten würden noch immer von beiden Kindern angezettelt. Andererseits halte die kleine Schwester bei Konflikten mit den Eltern zu Anna, so dass zwei Kinder zu bändigen wären. Positive Aspekte werden nicht genannt.

Die Mutter bekommt (im Film abschließend) den Tipp, bei beiden Kindern konsequenter zu handeln und nicht mehr allem hinterherzurennen.

Mohammed

Laut Langer „Der Kontrolletti vor dem Herrn“. Der zweijährige Mohammed hat starke Neurodermitis. Im Gesicht sieht man blutige Stellen. Er schlafe immer im Bett der Eltern und brauche täglich mindestens eine Stunde lang Einschlafbegleitung mit Rückenkraulen und Fußmassagen. Die Mutter vermeide alles, was das Kind stressen könnte, um das Aufkratzen der Haut zu verhindern. Jeder Wunsch werde sofort erfüllt, „Grenzen“ gebe es keine. Ein unbeschwerter Familienalltag sei nicht mehr möglich, die Mutter überlastet. Ihre Familie unterstützt sie in Wunsch und Maßnahme, etwas ändern zu wollen.

Mohammed sei bisher der Boss, wird festgestellt, er müsse (auch körperlich) spüren, was Führung bedeute. Die Eltern sollen Autorität erlernen („Autorität schützt ja auch“[1]D. Langer im Film). Nicht nur beim Schlafen, sondern auf allen Ebenen soll Mohammed in der Therapie diese Führung praktisch erfahren. So wird er auch in das „Ess-“ und das „Bewegungstraining“ eingeplant. Er bekommt nur noch zu den Mahlzeiten das angebotene Essen, zwischendurch nur Wasser. Über das Essen darf die Mutter nicht mit ihm sprechen, auch nicht, wenn er danach fragt. Um sich innerlich zu lösen, werde die Mutter im Verlauf nicht über den Verlauf des „Ess-Trainings“ informiert, sagt Langer. Erst am Ende würden die Protokolle ausgewertet.

Von der Sozialarbeiterin wird Mohammend auf dem Flur wortlos und körperlich reguliert, z.B. an den Armen hochgezogen und stetig daran gehindert, sich auf den Boden zu werfen. Mohammed schreit und kämpft dagegen an. Ihm wird großes Durchhaltevermögen zugeschrieben. Während er die Pflegerin anschließend in den Video-Überwachungsraum begleitet, wimmert er weiter nach seiner Mama. Das Angebot der Pflegerin, auf ihren Schoß zu kommen, lehnt er nonverbal ab und verlangt weinend weiter nach seiner Mutter.

Später wird gezeigt, wie seine Mutter und die Sozialarbeiterin ihn zum Spazierengehen um den See bugsieren. Er hängt mit beiden Armen zwischen ihnen und wird immer wieder hoch- und weitergezogen. Er schreit und windet sich während der gesamten Sequenz. In eine Schaukel möchte er sich nicht setzen lassen. Während die beiden Frauen sich auf einer Bank ausruhen, weint er weiter. 

Mohammed wird von einer kräftigen Pflegerin gefüttert. Er verweigert und wimmert nach seiner Mama. Fünf Löffel habe er gegessen, als wäre nichts, dann habe sie im Kampf weitere fünf Löffel in ihn hinein bekommen, danach habe er richtig aufgedreht und sie habe ihn 45 Minuten lang beruhigen müssen, erzählt sie später. Man sieht, wie sie (wohl nach den erkämpften fünf Löffeln und am Ende der Mahlzeit) mit ihm auf den Boden gleitet, und ihre Beine um seinen Körper schlingt. Der Schnitt zu einem späteren Zeitpunkt zeigt ihn erschöpft wimmernd an der Brust der Pflegerin liegend.

Eine Szene zeigt, wie Mohammeds Mutter ihn zu Bett bringt, seinen Kopf streichelt und er erschöpft ins Leere blickt.

Später wird berichtet, dass sich die Mutter wieder zu sehr kümmere, ihn trage. Man müsse sie immer wieder daran erinnern, dies nicht zu tun, heißt es. Beim Füttern ist seine Mutter schließlich anwesend. Sie sitzt in der Ecke und liest, während Mohammed auf dem Schoß der Pflegerin gefüttert wird. Sie lese mittlerweile wirklich, heißt es, schaue nicht mehr über den Rand des Buches zu ihrem Sohn.

Weitere Zeit später füttert die Mutter ihren Sohn selbst. Er sieht weiterhin reglos aus, automatisiert, aber sträubt sich auch nicht mehr. Einen herausfallenden Bissen schiebt er selbständig zurück in den Mund.

Beim Kontrolltermin drei Monate später lacht und spielt Mohammed mit Herrn Langer. Seine Mutter bedankt sich bei diesem, ein normales Leben sei wieder möglich. Sie könne wieder arbeiten und sogar mit Mohammed spazieren gehen. Ihr Leben habe sich verändert.

Mädchen X

Ein Mädchen (ca. 6 Jahre alt), dessen Anamnese und Name nicht bekannt sind, befindet sich im „Ess-“ und „Bewegungstraining“. Der:die Zuschauer:in lernt sie kennen, als sie im Ess-Zimmer vor ihrem Teller sitzt und ihr Essen nicht anrührt. Nach einer bestimmten Zeit (20 Minuten) wird die Essenszeit von einer Pflegerin beendet und das Mädchen bringt seinen Teller weg.

Im „Bewegungstraining“ soll sie mit Herrn Langer um den See laufen. Langer lenkt ihre Aufmerksamkeit vom Laufen ab. Sie ist nach einer Weile erschöpft und verweigert das Weiterlaufen. Langer zieht sie weiter, obwohl sie weint und über Schmerzen klagt. Er wolle sie „fit machen“, sagt Langer. Sie wolle aber nicht fit sein und in der Schule auch keinen Sport mitmachen. Dann sage die Lehrerin, sie müsse wieder „zum Langer trainieren gehen“, droht dieser. Irgendwann fällt auf, dass sie ihre Mütze hat fallen lassen. Langer unterstellt ihr Absicht, das Mädchen weicht aus. Er verlangt von ihr zurückzulaufen und die Mütze selbst zu holen. Dies verweigert sie zunächst und setzt sich auf den Weg. Langer lässt sie gewähren und ignoriert demonstrativ ihr Verhalten. Während er sich von ihr außer Sichtweite entfernt, steht sie auf und schaut nach ihm. Sie geht dann allein, anscheinend den Weg zurück Richtung Mütze. Langer schließt von hinten auf, nimmt ihre Hand und sie gehen langsam weiter. Sie weint stumm.

Im nächsten Schnitt macht Herr Langer Späße, die das Mädchen mit lautem Lachen quittiert. 

Sie sprechen während des Spaziergangs über das Essen. Das Mädchen erzählt, es habe heute „das leckerste Essen der Welt“ gegeben und sie habe „10 Teller“ gegessen. Die realen zwei seien ja schon ausreichend, sagt Langer.

Langer macht – zum Amüsement des Publikums – noch zwei stichelnde Anspielungen auf das Laufen, weil das Mädchen ausdrückt, es wolle nie wieder rennen, dann spazieren sie Hand in Hand zurück zur Klinik.

Am Tag der Entlassung spricht Langer mit dem Mädchen. Dabei lehnt er sich immer wieder nach vorn, stützt die Hände auf die Oberschenkel und macht sich so breitschultrig es geht. Er sitzt auf einem höheren Stuhl dem Kind gegenüber. Der Raum beinhaltet nichts für Kinder, nichts, an dem das kindliche Auge sich festhalten könnte. Was es tun wolle, wenn es zu Hause sei. „Hören“, antwortet es. Langer lacht. „Ein Kind hört nicht“, sagt er zu seiner Mutter. Ein Kind, das nichts anstelle, sei besorgniserregend. Es wünsche sich dann Kartoffeln und Fleisch mit Soße und Rotkohl, sagt das Mädchen. Wenn mal was nicht mehr klappe, könnten sie ja wiederkommen, sagt Langer dem Mädchen. Aber er denke, dass sie das hinbekommen würden. Das denke sie auch, sagt das Mädchen, während es auf den Händen sitzt und sich auf die Lippen beißt.

Bildquelle: Film Elternschule aus der Das Erste Mediathek

Felix

Felix’ Mutter ist bereits während der Anamnese in Tränen aufgelöst: „Er isst nichts.“ Er kenne nur Therapeuten, habe schon mehrere OPs gehabt. Felix ist etwa zwei Jahre alt. Er erbreche alles Essen wegen der Erkrankung und aus Aufregung. Herr Langer steckt das Ziel fest: Felix soll angemessen essen. Dazu müsse man das Kontrollverlust-Erleben vermeiden. Felix sei noch jung, die Muster ließen sich noch gut durchbrechen. Es werde nicht einfach für sie, diese Therapie durchzuhalten, sagt die Mutter, aber sie werde ihr Bestes versuchen.

Der Kontrast ist groß: Felix ist deutlich untergewichtig, hager, das Gesicht knochig. Beide Eltern sind eher übergewichtig.

In der Teambesprechung wird deutlich: die Mutter sei panisch, traumatisiert. Der Vater übermäßig beschützend. Die Eltern haben panische Angst, dass das Kind verhungert. Der Vater scheint nur sporadisch auf Station anwesend zu sein und hat die Aufnahmegespräche nicht selbst mitgemacht.

Eine Pflegerin füttert Felix mit der Milchflasche. Sie hält ihn in stabilem Griff auf dem Schoß, halb liegend, versucht ihm eine Flasche mit Milch zu geben. Felix würgt, sie versucht es noch wenige Male, stellt dann die Flasche zurück. Er habe nur einige wenige Tropfen aus Reflex geschluckt, aktiv gar nichts zu sich genommen.

Während des „Schlaf-Trainings“ muss sich Felix’ Mutter von Felix trennen. Er soll erstmals allein zu einer frühen Uhrzeit (die Uhr im Gang zeigt 19:41 Uhr) in einem dunklen Raum schlafen. Um 22 Uhr jammert er (noch immer). Von zu Hause ist er das Schlafen im Familienbett ab ca. 22:30 Uhr mit Einschlafbegleitung gewöhnt. Die Mutter schafft es kaum, sich zu trennen.[2]„In der Natur ist ein Kontaktverlust zur Familie/Herde meist tödlich, daher ist dieser Konflikt sehr bedeutsam! Von der Herde getrennt oder als Kind von der Mutter getrennt zu sein, bedeutet quasi … Continue reading Sie singt ihm ein Lied durch die extra hohen Gitter. Felix ist aufgelöst. Die Pflegerin beruhigt die Mutter, sie seien da und würden reingehen, wenn etwas sein sollte. Die Kinder seien in sicheren Händen. Die Mutter kehrt noch ein paar Mal zurück und geht schließlich weinend den Flur hinunter. Später sieht man die Pflegerin mit Taschenlampe bei einem weinenden Kind nachschauen und den Raum wieder verlassen, als es ruhig ist.

Bei einer körperlichen Untersuchung wird Felix kritisches Untergewicht attestiert. Man beschließt, eine Sonde zu legen und ihn vorerst aus dem „Ess-Training“ herauszunehmen. Seine Mutter ist verzweifelt, entscheidet sich aber für eine Fortsetzung der Therapie.

Das Legen der Sonde muss von zwei Pflegerinnen durchgeführt werden. Eine habe den Jungen festgehalten, die andere habe sondiert. Die Prozedur selbst wird nicht gezeigt, nur wie am Ende Felix’ Erbrochenes aufgewischt wird, während er – bereits sondiert – daneben steht.

Felix, jetzt markant in seiner Erscheinung mit am Gesicht angeklebter Sonde, läuft weinend und mechanisch immer und immer wieder um den Tisch in der „Mäuseburg“. Er wirkt sehr erschöpft. Eine Pflegerin filmt ihn dabei mit einer Videokamera.

Felix’ Vater droht das System zu sprengen: Es wird von einem „Ausraster“ berichtet, bei dem er die Therapie als „Quälerei“ beschimpft und droht abzubrechen. „Sollen sie halt gehen“, heißt es bei den Pflegerinnen. Der Vater habe nicht eingesehen, warum dem Kind, das nach seiner Meinung aus Hunger weint, nichts zu Essen gegeben werde. Der Drang, das Kind am Leben zu halten, scheint in ihm tief verwurzelt zu sein. Man will mit dem Vater sprechen, mit ihm in der Klinik üben, ihn einbeziehen, denn er verwirre seine Frau und auch Felix durch seine Überreaktionen. Er werde derjenige sein, der sich um Felix zu Hause kümmern werde, während seine Frau arbeiten geht.

Die Mutter kann sich noch immer schlecht vom Zimmer trennen, es gehe aber schon viel besser, sagen die Pflegerinnen. Weinend steht sie vor der Tür, löscht das Licht, macht es wieder an und geht dann. Sie sei verwirrt, habe das mit dem Licht durcheinander gebracht. Außerdem werde sie von ihrem Mann ganz „wuschig“ gemacht. Sie habe die Pflegerin gebeten, nach der Wäsche im Trockner zu fühlen, ob diese schon trocken sei, sie selbst habe das nicht spüren können.

Eine unbestimmte Zeit später hat Felix keine Sonde mehr. Er bekommt Brei vom Löffel gefüttert. Die Mutter sei aufgelöst gewesen, weil sie versehentlich die Sonde herausgezogen habe, die aber ohnehin hätte gezogen werden sollen. Die Situation mit dem Vater spitzt sich zu, er wird zunächst von der Therapie ausgeschlossen, bevor er kein Gespräch gehabt hat. Er lebe „in der Gedankenwelt in der Vergangenheit“.

Schließlich lässt sich Felix von den Eltern füttern. Beim Kontrolltermin drei Monate später wird beobachtet und kommentiert, wie Felix’ Vater seinen Sohn füttert. Resonanz und Tempo sei beiderseits in Ordnung. Das Kind sieht gesünder aus, nicht mehr so hager wie zu Beginn der Therapie. Im Gespräch mit dem Vater gibt Langer ihm noch mit auf den Weg, dass er umdenken soll von „Der kann das nicht“ zu „Er ist ein guter Stratege“. Der Vater solle die Kontrolle behalten. Der Vater nickt.

Zarah

Zarah ist ein ca. 7 Jahre altes Mädchen, das mit ihrer Familie vor zwei Jahren aus Mazedonien nach Deutschland gekommen ist. Sie trinke täglich zwei bis drei Flaschen Milch, esse aber ansonsten nichts außer Nutella, Pommes und Chicken Nuggets. Wenn man sie mit TV oder PC ablenke, gehe es etwas besser. Bis sie zwei Jahre alt war, habe sie nur Brei gegessen. Die Überwachungskamera zeigt sie bewegungslos vor ihrem Teller sitzend.

Die Mutter ist Lehrerin, der Vater Maschinentechniker ohne Arbeit (weil er in Deutschland noch nicht arbeiten darf).

Zarah hat es schwer im Alltag, weil sie sehr „träge“ ist. Sie schafft es nicht, kleine Schritte, wie z.B. sich selbst anzuziehen, nach und nach eigenständig umzusetzen. Das Verhalten habe begonnen, als sie nach Deutschland gekommen seien. Auch die Mutter zeigt depressives Verhalten, liege oft weinend im Bett und könne nichts mehr unternehmen.

Zarah hat noch nie alleine geschlafen, aber eher weil die Mutter ein Problem habe, sich zu trennen. Sie habe den Drang, nachts nach ihr zu sehen, ob es ihr gut geht. Die Mutter brauche viel Unterstützung, heißt es in der Teambesprechung. Es gebe noch eine Welt außerhalb des Kindes, sagt ihr Herr Langer. Zarah sei ihr Leben, antwortet die Mutter, es falle ihr schwer, sie so zu sehen.

Zarah schläft in der „Mäuseburg“, wo sie mit viel Spielzeug umgeben ist, um dies für zu Hause zu üben. Sie spiele lieber als zu schlafen, berichtet die Mutter. Man sieht, wie Zarah belustigt mit einem durch Rausfall-Schutz-Gitter gesichertes Bett ins Zimmer gerollt wird. Sie spielt vom Bett aus eine Art Kampf gegen unsichtbare Gegner.

Zarah habe in der Klinik abgenommen seit ihrer Aufnahme. Sie stehe immer herum, müsse immer neu zu jedem Schritt aufgefordert werden. Der Mutter fällt es schwer, sich an die vereinbarten therapeutischen Maßnahmen zu halten. Sie sei verbotener Weise nachts ins Zimmer gegangen, um nach ihr zu schauen. „Sie kümmert sich zu sehr.“[3]Frau Grühn während der Teambesprechung

Während Zarah weiterhin kein Essen anrührt, ihre Zeit bewegungslos absitzt, liest die Sozialarbeiterin demonstrativ ignorierend ein Buch. Zarah sei „still, aber schlau“, heißt es. Man nennt es „demonstrative Hilflosigkeit“. Zarah werde essen, wenn es der Mutter egal sei, sie sich nicht mehr kümmere. Eine Sonde wird in Erwägung gezogen.

„Die Mutter kommt nicht in die Puschen.“[4]Frau Grühn während der Teambesprechung Ihr wird quasi der mangelnde Fortschritt der Therapie angelastet. Es wird verboten, dass sie mit Zarah Hand in Hand läuft. Dies drücke Schonung des Kindes aus, stattdessen wolle man sie im Gegenteil antreiben, schneller zu laufen, sie trainieren. Zarah sei keine Prinzessin mehr, sie müsse jetzt etwas tun.

Beim Spaziergang um den See fällt Zarah hinter den Rest der Gruppe zurück. Ihre Mutter legt die Hand auf ihren Rücken und hilft ihr voranzugehen.

Die Mutter sagt im direkten Gespräch, dass durch den Klinikalltag mit all den geplanten Abläufen und Aktivitäten, auch sie sich verändert habe. Sie habe eine Nacht schon besser geschlafen, sagt sie auf Nachfrage.

Schließlich gibt es den bahnbrechenden Erfolg: Nach erneutem stummen Sitzen während der Essenszeit lässt Zarah den Blick schweifen zwischen der Sozialarbeiterin und ihrem Teller. Die Sozialarbeiterin flüstert ihr aufmunternd zu „Du schaffst das“. Sie hätten sich zwei Minuten in die Augen geschaut, dann hätte sie Zarah geholfen, das Brötchen zu nehmen und sie hätte abgebissen. Zunächst nur wenig, später habe sie richtig Spaß gehabt. Die erste warme Mahlzeit war schwierig, aber sie habe es zumindest probiert. Man hört sie knuspernd ins Brötchen beißen.

Zarah sitzt mit ihrer Mutter schweigend und aktiv essend am Tisch. 

Nach drei Monaten sieht man beide in der Kantine ganz normal gemeinsam essen. Im Nachgespräch wird von zwei Monaten berichtet, in denen Zarah sehr viel gegessen habe, am liebsten Fleisch. Wenn sie kooperativ sei, sagt Langer, warum sollte sie dann nicht zwei Teller essen? Dann sei es wieder schwierig geworden, denn sie vertrödele die 20 Minuten Essenszeit und sie möge kein Gemüse oder Obst mehr essen. Sie solle sich an die festen Essenzeiten gewöhnen und man solle überlegen, wie man damit umgehe, dass der Vater auch kein Gemüse isst (warum sollte Zarah es dann tun?).

Laura

Lauras Mutter stillt und streichelt das Baby während des Anamnese-Gesprächs. Laura ist ein Schreikind. Bei 14 Stunden am Stück seien sie aktuell. Das erste Kind sei auch ein Schreikind gewesen. Während der Geburt habe die Mutter einen Gebärmutterriss erlitten, der Vater habe mit dem Baby stundenlang im blutverschmierten Kreißsaal gewartet, das Baby vergebens nach der Brust gesucht. Laura ist mit ihren wenigen Monaten das aktuell jüngste aufgenommene Kind der Klinik.

Die Mutter leidet unter Migräne-ähnlichen Kopfschmerzen und Schmerzen im ganzen Körper, die sie vor der Geburt nicht hatte. Sie höre Phantomschreie, sagt sie, sei auch von zu Hause ausgezogen. Ganz schief und verkrampft schuckelnd habe sie da gesessen bei der Anamnese, berichtet der Kinderarzt. 

Laura ist zum „Trennungstraining“ in der „Mäuseburg“, während die Mutter mit den anderen Müttern frühstücken geht. Es habe nichts mit Härte zu tun, erläutert sie einer anderen Mutter. Sie sage sich immer, sie bringe ihrem Kind Schlafen, Essen und eine regelmäßigen Tagesablauf bei. Sei dieses Umdenken erst erreicht, könne dem Kind und der Familie geholfen werden.

Nach dem „Schlaf-Training“ wertet eine Pflegerin die Protokolle gemeinsam mit der Mutter aus. Laura habe durchgeschlafen. Oder doch nicht ganz. Also, gejammert habe sie doch.

Lauras Mutter berichtet am Telefon von den Erfolgen, kann es selbst kaum glauben. 

Weitere

Es gibt weitere Familien, die nur jeweils ein Stück weit begleitet werden. Oft dienen sie als Beispielsfälle für bestimmte Therapieformen oder als Beleg für kindliches Verhalten bzw. Herrn Langers Theorie dahinter. Einige sind namentlich nicht näher benannt.

Eine Mutter spricht während der Anamnese von einer prägenden Fehlgeburt. 

Eine Mutter, vielleicht sogar dieselbe, beschreibt, wie schwer es ihr falle, während der Therapie „hart“ zu bleiben. Sie wolle nur das Beste für ihre „süße Maus“ und sie beschützen. Nach dem Trennungstraining in der „Mäuseburg“ hält sie sanft die Hand ihres Babys, welches sie in intensivem Augenkontakt zurück anblickt. Eine andere Mutter erklärt ihr, dass es mit „hart“ nichts zu tun habe, man aber zum Wohl des Kindes umdenken müsse („Ich bringe dir Schlafen bei“ …).

Joshua (ca. 2 Jahre) versucht während des Anamnese-Gesprächs die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich zu ziehen, indem er sie beißt. „Joshua, hör auf damit“, sagt sie scharf und fasst ihn an der Schulter. Er sei aggressiv, sagt sie. Kratzen, Hauen, Beißen, Treten, Schreien … Während des Trennungstrainings sieht man ihn in minutenlangen Einstellungen unter dem Waschbecken sitzen und weinen/schreien, sich winden, auf dem Boden liegen. Der Methode folgend wird er von der anwesenden Sozialarbeiterin ignoriert.

Can (?) (ca. 2) und Lucy (ca. 1) sind Kinder, an denen anfangs das Prinzip der ärztlichen Untersuchung erläutert wird. Can schreit, während der Kinderarzt seine Untersuchung an ihm durchführt. Man sehe daran die Regulationsstörung, heißt es. Auch Lucy wehrt sich gegen den ärztlichen Ein-/Übergriff. Die Eltern sollen mit dem Hocker wegrücken, je mehr das Kind zu ihnen will. Lucy verweigert zudem das Essen und liegt schreiend auf dem Boden, während die Pflegerinnen sie während der Essensausgabe demonstrativ ignorieren. In der Einführungsveranstaltung für die Eltern, in der die Methodik erklärt wird, klettert Lucy munter auf ihrer Mutter herum und versucht ihr die Welt zu erklären. Die Mutter ist sichtlich genervt von Lucys Verhalten, auch als sie später versucht, die Anweisungen aus der Lehrveranstaltung auf die Essenssituation zu übertragen und Lucy dabei gar nicht mitspielen möchte.

Auf mein Wort: Individualität

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte. Sie haben unterschiedlichste Dinge erlebt, kommen aus unterschiedlichsten Milieus und Kulturen, besitzen unterschiedlichste Charaktere und die Kinder unterschiedlichste Krankheiten oder Diagnosen. All das wird im Film angerissen, aber nicht vertieft. Die Familie aus Mazedonien: Sind sie über Mazedonien geflüchtet? Haben sie eine schwere oder lebensbedrohliche Reise hinter sich? Hat Zarah Heimweh? Die Diagnose, die den Kindern gestellt wird, heißt im Film „Regulationsstörung“. Die Symptome ähneln sich. Daraufhin werden alle Personen in das gleiche therapeutische Programm eingeteilt. Letztlich spielt es keine Rolle mehr, ob ein Kind Neurodermitis hat und ein anderes durch frühe Operationen traumarisiert ist. Auch der gesundheitliche Zustand der Eltern spielt quasi keine Rolle. Es geht ausschließlich um das Verhalten der Kinder den Eltern und der Eltern den Kindern gegenüber. 

Es fällt auf, dass Anamnesen im Film aneinander geschnitten werden, ohne dass die Identität der Personen genannt wird. Die Familiengeschichten werden parallel geschnitten, so dass es, zumindest beim ersten Mal schauen, am Ende schwer nachvollziehbar ist, welche Geschichte oder welche Behandlung genau zu welcher Familie gehörte. Die Geschichten verschwimmen ineinander und sind kaum mehr Individuen zuzuordnen. Manche Kinder ähneln sich so sehr, dass beim bruchstückhaften Erzählen die Identitäten schnell durcheinander geraten. Bezeichnend für eine Therapie, die auch in Fachkreisen undifferenziert erscheint.

Theorie & Therapie

Am Anfang war … nichts … und Chaos

Das Kind, das zur Welt komme, wisse nichts von selbiger, erklärt Langer. Es kenne keine Zusammenhänge und müsse, um Vorhersehbarkeit zu erlangen, erst einmal die Welt um sich herum mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erforschen. Nicht nur durch Beobachten und Abschauen, sondern durch aktives Erkunden. Je mobiler es werde, desto mehr Möglichkeiten schöpfe es aus. Allerdings könne es sich nicht selbst begrenzen. „Gas geben können die alle gut. Die können nur nicht aufhören.“ Es brauche jemanden, der „Stop“ sage. Das Kind werde von selbst keine Rücksicht auf die Eltern nehmen.

Die Welt sei chaotisch, in einer chaotischen Welt könne es nicht überleben. Auf der Suche nach Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit mache es einen „Belastungstest“ mit den Eltern, der ihm vermittelt, ob diese ihre gesteckte Grenze ernst meinen oder aus einer Laune heraus aufstellen. Das Kind veranstalte also ein „heiden Theater“, und wenn die Eltern dann nachgeben, sei das ein Zeichen dafür, dass die „Grenze“ nicht ernst genommen werde. Ab einem bestimmten Punkt stünde man als Eltern mit dem Rücken zur Wand und könne nicht weiter abweichen. Da könne sich das Kind aufregen, wie es wolle, hier sei der Fixpunkt der Grenze erreicht.

Viel besser sei es aber doch, den Punkt bereits vorher zu setzen, bevor man mit dem Rücken zur Wand stehe und bevor der Alltag zum Problem werde. Das gebe dem Kind und den Eltern Sicherheit.

Auf mein Wort: Die von der Grundannahme ausgehend notwendige Begrenzung des Kindes als Fixpunkt finde ich inhaltlich problematisch. Ich bezweifle außerdem, dass einem Kind grundlegend absolut keine Selbstregulation möglich sein soll und dass man im Umkehrschluss eine grundlegende Angst davor haben muss, dass das Kind außer Kontrolle gerät. Dies ist ein negativer/pessimistischer Blick auf Menschen. Meines Wissens besitzen schon Säuglinge die Anlage, sich bei geringen Reizen selbst zu beruhigen (z.B. über Daumennuckeln) und so lernen Babys und Kinder stufenweise sich selbst zu regulieren, wenn man ihnen angemessen und feinfühlig begegnet[5]siehe https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/05/trotzphase-umgang-mit-wutanfallen-in.html. Dass die Eltern ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen, ist ein Problem, das ich sehe. Auch den Wunsch nach Sicherheit auf beiden Seiten. Das daraus abgeleitete Vorgehen jedoch halte ich für höchst bedenklich.

Das Kind als Egoist & Stratege

„Das Kind ist der größte Egoist auf dem Planeten.“ Evolutionär sei das Schreien für uns – als diejenigen, die für das Überleben des Kindes zuständig gewesen seien, – unerträglich. Das Kind strahle Niedlichkeit aus, verwende aber strategische Tricks um die Eltern „über den Tisch zu ziehen“, weil es überleben wolle.

Wenn akute Phänomene wie Koliken etc. ausgeschlossen seien, liege eine chronische Regulationsstörung vor. Diese bedürfe einer Therapie. Die Eltern sollen in diesem Rahmen lernen, wieder die Führung zu übernehmen. Man solle die Kinder nicht mehr fragen, sondern sagen, wo es lang gehe.

Auf mein Wort: Kinder haben einfach (noch) ein gutes Gespür dafür, was sie gerade brauchen. Für ihre Bedürfniserfüllung verwenden sie manchmal in unseren Augen unangemessene Strategien (Wünsche). Dass sie etwas für sich tun, heißt aber noch lange nicht, dass sie etwas gegen uns tun. Natürlich kollidieren Bedürfnisse und es ist in der Verantwortung der Erwachsenen, deren Vereinbarkeit zu prüfen und ggf. herzustellen. Das heißt aber nicht, dass sie ihre Bedürfnisse grundlegend über die des Kindes stellen dürfen (und vice versa sollten). Das wäre kein verantwortungsbewusstes Handeln.

Egoisten und Strategen werden im Film als gegnerische Partei dargestellt, also als negative Eigenschaften, denen es gilt, entgegenzuwirken. Die Gesellschaft diktiert dieses Bild als negativ/dysfunktional. Auch hier wieder: das pessimistische Weltbild.

Kinder sind gute Strategen, ihre eigenen Bedürfnsisse betreffend. Allerdings keine bewusst und gegen andere handelnden, weil Kinder erst recht spät (zwischen 5 und 9 Jahren) die Perspektive eines anderen Menschen überhaupt einnehmen können[6]siehe https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/03/empathie-wann-und-wie-erwerben-unsere.html

Wenn wir nicht mittlerweile verlernt haben (und das haben wohl die meisten), unsere Bedürfnisse zu achten, ist letztlich jeder Mensch ein geborener Stratege fürs eigene Überleben. Im sozialen Gefüge kommt es zwangsläufig zu Kollisionen. Hier sollten die Erwachsenen dem Kind helfen, diese Situationen angemessen zu lösen, ohne dass es seine Bedürfnisse unterdrücken muss. 

Physische Untersuchungen

Es werden zwei Kinder gezeigt, die bis auf die Windel unbekleidet im Untersuchungszimmer auf einer Liege untersucht werden. Die Kinder würden dorthin gebracht, erklärt Dr. Lion, der Arzt, den Eltern, weil „das nochmal den Stress“ erhöhe („Stress-Impfung“). Er rede mit den Kindern und erkläre, was er tut. Im Film wird gezeigt, wie er eher mit den skeptisch-besorgten Eltern als mit den Kindern spricht. „Je mehr Stress die [sic!] macht, desto weiter rollen Sie mit dem Hocker zurück“. Er schaut nachdrücklich in den Hals, während das Kind sich windet und abwehrt. „Wow, du hast ja Power. Das hast du bestimmt von der Mama.“ Als er gesehen hat, was er sehen wollte, nimmt er den Spatel weg. Das Kind würgt und spuckt, geht dann schnell auf Mamas Arm.

Ein Kind (Nahaufnahme) zieht erst die Unterlippe nach vorn, ist noch skeptisch, dann schreit und weint es, während es abgehorcht wird. Lion: „Hat man schon gesehen, dass die Stimmung gleich kippt, hat man schon am ‚Schippchen‘ gesehen.“ – „Das war total typisch, das gehört zur Regulationsstörung.“

Es scheint, als wolle man das Prozedere schnell rumbringen, aber das Kind „muss da durch“.

Detailaufnahme: Ein Kind im Bett wird von zwei Pflegerinnen mit blauen Klinik-Handschuhen „bearbeitet“. Musik: Geigen.

Auf mein Wort: Medizinische Untersuchungen oder Eingriffe sind für Kinder fast immer unangenehm. Die Art und Weise, wie der Arzt hier über die Grenzen des Kindes tritt und nicht auf das Kind, sondern ausschließlich auf die Methodisierung dieses Prozederes pocht, besorgt mich sehr. Das Bonus-Material der DVD verdeutlicht: diese Stress erzeugende Prozedur am Kind wird bewusst täglich durchgeführt, auch wenn diese nicht medizinisch notwendig ist. Das Kind gewöhne sich dadurch an den Stress und verliere die Angst vor der Untersuchungssituation.[7]Mehr dazu: https://www.kinder-verstehen.de/aktuelles/elternschule-ein-rueckblick/ Perfide, in meinen Augen. Kinder und Eltern sollten diese Art der Übergriffigkeit nicht (er)dulden (müssen). Der Hinweis auf die „Regulationsstörung“ ist irreführend (Herstellung einer Kausalität). Und was bitte soll dieser Kommentar zur Mutter? 

„Ess-Training“

Rahmen und Regeln sollen geschaffen werden: Die Essenszeit ist auf 20 Minuten begrenzt. Die Kinder sollen während dieser Zeit sitzen bleiben. Kinder, die vorher aufstehen wollen, sollen zurück auf den Stuhl gesetzt werden.

Die Kinder werden zum Essen nicht gelobt. Das Essen soll selbstverständlich sein. Das Trinken soll vom Essen abgekoppelt werden, weil sich die Kinder sonst im Trinken verlieren und deshalb nicht essen. Die Eltern sollen den Becher bis zum Ende der Mahlzeit zurückhalten.

Wenn Kinder ins „Ess-Training“ kommen, dürfen die Eltern zwischen den Mahlzeiten nichts zu Essen oder sättigende Getränke geben. Über das Essen wird mit dem Kind nicht gesprochen, auch wenn es dies möchte. Die Eltern sollen sich innerlich lösen und werden deshalb nicht über den Verlauf des „Ess-Trainings“ informiert. Erst am Ende werden die Protokolle gemeinsam ausgewertet.

Auf mein Wort: Zu dieser Einheit möchte ich meine Bedenken äußern, wie ein exakt vorgeschriebenes Essverhalten zu einem gesunden Essverhalten führen soll – zukunftsweisend. Mir kommt es vor, als würde mit den Grundbedürfnissen gespielt, um dem Kind die Rangordnung deutlich zu machen.

„Bewegungstraining“

Ein Kind, das Essen verweigert, bekommt also außer zu den eigentlichen Mahlzeiten keine Nahrung. Ihm soll beigebracht werden, dass es für körperliche Anstrengung fit sein muss. Außerdem: Bewegung macht hungrig. Die Kinder werden angehalten, um den See herum zu laufen oder zu gehen. Wenn die Kinder dies nicht wollen, werden sie von Erwachsenen körperlich dazu genötigt (an den Armen gezogen und weiter geführt) oder ignoriert, bis sie „freiwillig“ weiterlaufen. Der Schonung des Kindes müsse entgegengewirkt werden, auch durch die Eltern. Stattdessen wird extra angetrieben.

Auf mein Wort: Die körperliche Übergriffigkeit durch Erwachsene finde ich bei diesen Szenen sehr unangenehm. Die körperlichen Grenzen des Kindes, selbst aus therapeutischen Gründen, nicht zu wahren, halte ich für unangemessen. Ein Kleinkind wird an hochgezogenen Armen um den See geführt, durch seinen Widerstand hängt es mit dem vollen Gewicht darin. Allein physisch, denke ich, nicht unbedenklich. Hier wird aktiv gegen den Willen des Kindes gehandelt und somit wird das Kind psychisch belastet. Eine zukunftsweisende Wahrung der eigenen (körperlichen) Grenzen halte ich für gefährdet.

Absurde Wünsche & chronischer Stress

Sie hätten einen [sic!] gehabt, sagt Langer, der drei Jahre lang nur die Endstücke von Bratwürsten gegessen habe. Nachdem er Essen grundlegend verweigert habe, seien die Eltern froh gewesen, dass er überhaupt etwas gegessen habe. Dann verlangte er immer mehr danach. Eltern und Kinder würden in diesem Teufelskreis unter chronischem Stress leiden: Die Bemühungen zur Wunscherfüllung (das Kind zum Essen zu bewegen) steigern sich, eine Forderung führe zur Anpassungsreaktion, es entstehe Spannung, die ein „Nein“ nach sich zieht. Es entstehe ein Blockieren oder eine Gegenforderung. Diese wiederum führe erneut zu Spannung. Langer beschreibt es als „mathematische Formel“ mit zwei Elementen (Spannung und Forderung). Er schlägt vor, die mathematische Formel zu kürzen („Das Kind wird seins nicht kürzen“), also: Spannung raus durch Abwarten und Beharren statt weiter zu reagieren und zu jonglieren. 

Langers Lösungsvorschlag: „konsequent liebevoll erziehen“. Es brauche Zeit, in der das Kind Erfahrung sammeln könne. Man gebe zwei Enden/Möglichkeiten vor: eine „schöne“/„richtige“ (essen, was auf den Tisch kommt) und eine nicht so schöne (nichts essen). Es sei dann die „Wahl“ des Kindes, wofür es sich entscheidet.

Anhand eines Lehrvideos erklärt Langer das Prinzip des strategischen Forderers: Ein ca. ein- bis zweijähriges Kind mag weder die Möhren noch den Blumenkohl auf seinem Teller. Es wird zu einer Entscheidung zwischen den beiden bewogen (gedrängt). Spricht es sich für das ein oder andere aus, mag es dies dann doch nicht essen. Es wird „angeboten“, das Essen stehen zu lassen. Das Kind drückt verzweifelt aus, dass es aber doch hungrig sei. Letztlich erbricht es das bereits Gegessene in einem schleimigen Schwall. Die Mutter sagt „Wenn du es jetzt wieder ausspuckst …“. Langer interpretiert es als „auf Kommando“. 

Auf mein Wort: Ich sehe schlicht eine Vorahnung der Mutter anhand der Mimik des Kindes. Wünsche sind nicht Bedürfnisse, diese sind im Film jedoch irrelevant. Die Pseudo-Wahl sehe ich als Zwickmühle und somit als ethisch unfaires Mittel, um das Kind zu einem bestimmten Verhalten zu manipulieren.

Still sitzen

In einem mit Turnmatten ausgelegten Raum sitzen Kinder eine festgelegte Zeit lang still und stumm. Sie werden von den beiden anwesenden Pflegerinnen wortlos und mit ruhigen Interventionen angehalten, keine „Übersprungshandlungen“ auszuführen. Die Kinder wissen offensichtlich nicht, welchen Zweck diese Übung hat („Wieso saßen wir die ganze Zeit nur?“). Diese Szene kontrastiert die sonst mit Kindern verknüpften lauten Szenen.

Auch beim Essen ist es vorgesehen, dass die Kinder die festgelegten 20 Minuten ruhig am Tisch sitzen. Als Zarah z.B. am Ende normal am Tisch isst, spricht die Mutter nicht mit ihr. Die Kinder sollen nicht vom Essen abgelenkt werden.

Anna sitzt an ihren Haarspitzen knibbelnd mit im Personalraum und wird von den anwesenden schweigenden Pflegerinnen nicht beachtet.

Auf mein Wort: Einem Jungen im „stillen Raum“ ist die Kamera mit Close Up auf ihn sichtlich unangenehm. Aus Unsicherheit beginnt er auf die Fensterbank zu klopfen. Im Gesamtkontext wirken die stillen Szenen quälend, so wie im Kontrast die Schrei-Szenen ebenso quälend sind. Man bemerkt, wie verkrampft und bemüht die Kinder sind, und das empfinde ich als unfaire Darstellung. Sie werden nicht wirklich mental entspannt, sondern zum Stillhalten angehalten.

Führung, Autorität & Grenzen

Herr Langer meint, Kinder sollten Grenzen und Führung akzeptieren. „Autorität schützt ja auch“. Mohammed solle das in praktischen Übungen erleben. „Ein Kind in dem Alter muss Führung erleben, was das körperlich heißt.“

Eltern müssten lernen, wieder die Führung zu übernehmen. Man solle die Kinder nicht fragen, sondern sagen, wo es lang gehe.

Grenzen müssten dem Kind rechtzeitig und konsequent gesetzt werden, damit es nicht zu regulationsgestörtem Verhalten komme.

Auf mein Wort: Eine Gleichsetzung der Begriffe ‚Führung‘ und ‚Autorität‘ halte ich für gefährlich. Die eigenen Grenzen aufzuzeigen müsste beinhalten, die Grenzen des Kindes gleichzeitig zu wahren. Dies geschieht im Film an sehr vielen Stellen leider nicht.

„Trennungstraining“/„Mäuseburg“

Die „Mäuseburg“ ist ein wie ein Kindergartenraum eingerichtetes Therapie-Zimmer. An der Tür hängt ein illustriertes Schild: Teufelchen werden mit einer Rute (!) in die Burg hinein getrieben, Engelchen kommen aus dem Haus, in dem eine Maschine aus Rohren und Trichtern arbeitet und dampft, wieder heraus. Es geht hier um das Trennungstraining.

Die Eltern geben die Kinder nach einer kurzen Verabschiedung („dicker Kuss“) in der „Mäuseburg“ ab und gehen frühstücken. Dann fangen die Kinder erwartungsgemäß an aufzudrehen, zu schreien („Dann geben die Kinder Gas, probieren ALLES aus, was sie in ihrem Repertoire haben“). Die Idee dahinter: „Jetzt darf die Maus üben.“

Den Kindern werden eigene Strategien zur Beruhigung (z.B. Schnuller) verweigert. Die Betreuungsperson sitzt bewusst das Geschehen ignorierend am Boden und beschäftigt sich selbst. Eine Strategie, die Langer an späterer Stelle erläutert: Das Kind muss zur erwachsenen Person kommen, nicht anders herum. Diese Person agiert für sich, nicht um das Kind abzulenken. Die Neugierde auf die Aktion muss vom Kind aus kommen, nachdem der Stress abgeklungen ist.

Auf mein Wort: Kinder werden hier kontrolliert schreien gelassen. Ein elterlicher Trost erfolgt nicht. Ich sehe schiere Verzweiflung, und mit diesen Emotionen werden die Kinder mental allein gelassen. Trennungsangst kann meines Erachtens und nach Herrn Langers Ausführungen einer Todesangst gleich kommen. Das therapeutische Vorgehen halte ich für höchst bedenklich.

Trennung

Die „Trennungsfähigkeit“ eines Kindes werde über die „Nähe-Distanz-Regelung“ definiert. „Die versuchen alles“[8]D. Langer im Film. Eine Veränderung werde als bedrohlich betrachtet, wenn sie plötzlich und unvorbereitet komme, das Kind keine Handlungsmöglichkeit sehe. Als erste dramatische Trennung wird die Geburt genannt, die ein Kind in der Regel aber nicht überfordere. Das Kind passe sich im Laufe seiner Entwicklung natürlicherweise an, indem es aktiv Trennung herstelle (durch Schlafen, Krabbeln oder Laufen). Essen, Schlafen und Laufen müssten Kinder erlernen, erklärt Herr Langer. Die „gefährliche“ Trennung stehe der notwendigen (vorbereiteten, erwarteten, ungefährlichen) Trennung gegenüber.

Die in der „Mäuseburg“ stattfindende Trennung erfolge nicht plötzlich, die Eltern sollten nicht unsicher, sondern zielstrebig sein, nicht hadern, sondern ihre Kinder sicher hinein begleiten. Es wird betont, dass zu 95% die Körpersprache dafür verantwortlich sei, was beim Kind ankomme. Man weist auf ein Bild an der Wand hin – laienhaft handgemalt mit Pinsel in bunten Buchstaben – „Nicht quatschen, machen“.

Es heißt: „Wenn es mir gut geht, geht es meinem Kind gut“

Das Trennungstraining dauere 30 Minuten bis zu vier Stunden. Unter 30 Minuten sei ein Abbruch des Trainings nicht sinnvoll, da ab dann ein Höhepunkt erreicht werde, nach welchem das Kind langsam zur Entspannung käme. Herr Langer erstellt ein Tafelbild mit Stresslevel-Kurven („Stress-Steuerung“) zur Erläuterung. „Trennung ist gefährlich“, so empfinde das Kind mit schlecht ausgebildeter Nähe-Distanz-Regelung. Langer schraffiert einen Bereich links des Peak der hoch ausschlagenden Stresskurve. Man gebe dem Kind die Chance, in den entspannten Bereich zu kommen. Interveniere man im schraffierten Bereich, also vor dem Höhepunkt, würde das Kind immer lernen, dass diese Trennung/Stress gefährlich sei. Er zeichnet dann eine flachere Kurve als Soll-Zustand. „30 Minuten ist ein gutes Maß um runterzufahren“. Langer markiert den Peak der höchsten Kurve: „sonst sind wir irgendwann hier“. Es brauche Zeit, um in den flachen Bereich zu kommen (er rahmt den flachen Bereich rechts außen ein: „Hier macht es Spaß“).

Wie schwer den Kindern die Trennung fällt, wie hoch der Stresslevel ist, wird im Film durch schonungsloses Schreien der Kinder auf Tonebene minutenlang simuliert. Wir als Zuschauer:innen fühlen körperlich den Stress aufsteigen. Mit Einblenden der sphärischen Musik erst erfahren wir Erlösung. Wir werden also mit durch die Stresskurve geleitet.

Auf mein Wort: Ich verstehe, dass ausgebrannte Eltern den Abstand brauchen und sich klar von ihrem Kind trennen. Eine dem Kind vertraute und liebevoll kümmernde Bezugsperson würde ich jedoch allemal voraussetzen. Trennung braucht Vertrauen. Ob zunächst eine angemessene Eingewöhnung stattfindet, ist bei der kurzen Behandlungsdauer fraglich. Ethisch finde ich eine solch rigorose Trennung nicht vertretbar, auch nicht im therapeutischen Rahmen. Die Evidenz der im Film vorgestellten Grundannahmen halte ich für vage. Ich sehe gestresste Kinder, die nach 30 Minuten bis vier Stunden aufhören zu schreien, aus welchen Gründen auch immer. Ehrlich – who wouldn’t? Ob es außer den äußeren Anzeichen (Verstummen) weitere Indikatoren für echte Entspannung (oder das Gegenteil) gibt (z.B. chronisch erhöhter/gesunkener Cortisolspiegel), wissen vielleicht weitere Spezialisten dieses Gebiets. Dass das Training zur Folge hat, dass die Kinder sich im Laufe bzw. in Folge der Therapie leichter trennen können, wird suggeriert, anhand der Situation „Mäuseburg“ im Film jedoch nicht explizit gezeigt.

„Trotz“

Die „Trotzphase“ beginne mit etwa zwei Jahren, wenn das Kind deutlich und häufig ‚Nein‘ sage. „Trotzanfälle“ würden hauptsächlich in ungünstigen Momenten auftreten, bei Zeitdruck, in der Öffentlichkeit etc. Es sei ein „strategisches Muster“: Die Kinder würden die Eltern „weichkochen“ wollen. Es existiere keine akute Not, sondern die Kinder hätten chronischen Stress, der sich in vorhersehbarem Verhalten äußere. Das Kind gehe „nicht ohne Waffen in den Kampf“, denn es habe einen „Werkzeugkasten“ aus dem Reflexsystem: Weinen, Schreien, Kratzen, Beißen, Hinschmeißen etc. Angeborene Verhaltensweisen, das „Schutzrepertoire aus dem Nahkampf“ würde es anders (strategisch) einsetzen und ausprobieren.

Auf mein Wort: Das Entdecken der Autonomie eines Kindes ist anstrengend für alle. Ohne Zweifel. Das Prinzip der „Strategie“ stelle ich in Frage, da ein kleines Kind in der Regel kognitiv noch nicht in der Lage ist, sich in andere Menschen hinein zu versetzen (siehe oben). Die „Kampf“-Metapher halte ich für unangemessen.

Empathie & Kontrollverlust

Die Einhaltung von Regeln ist im Rahmen der Therapie sehr wichtig. Alle Beteiligten müssen sich daran halten, um den Erfolg der Therapie nicht zu gefährden. Unsicherheit ist nicht gewünscht, sondern ein sicheres, bestimmtes Auftreten. Der Ausdruck „negativer“ (Wut, Impulsivität) wie (als zum Teil übermäßig eingestufter) „positiver“ Emotionen (Mitleid, Fürsorge, Liebe) werden im Rahmen des Films als tendenziell unerwünscht und den Therapieverlauf störend dargestellt.

Die („über-“)empathische Zuwendung dem Kind gegenüber wird im Rahmen der Therapie und als Empfehlung für Zuhause als Gefährdung des Systems und Ursache zur Verschlimmerung des nicht konformen kindlichen Verhaltens dargelegt. Die Eltern werden angehalten, die Kinder nicht zu schonen, sie zu Leistungen anzuspornen, ihnen Wünsche zu verweigern und dabei standhaft zu bleiben, unerwünschtes Verhalten demonstrativ zu ignorieren, erwünschtes Verhalten durch „gute“ und „schlechte“ Wahlmöglichkeiten herbeizuführen, sie nicht zu „verhätscheln“, sie „Führung körperlich spüren“ zu lassen, Autorität zu leben, Distanz zu wahren, nicht zu viel Nähe herzustellen, sich emotional zu lösen, sich durchzusetzen, den „Kampf“ zu gewinnen, die Kontrolle zu behalten.

Auf mein Wort: Mir ist nicht klar, wie nach diesem Verfahren das Kind lernt, sich empathisch zu verhalten, seine eigenen Gefühle kennenzulernen und geeignete Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln. Es wird, so sehe ich es, mit all seinen Gefühlen ziemlich allein gelassen.

„Schlaf-Training“

Schlafen könne man eigentlich nicht trainieren, heißt es, aber die Rahmenbedingungen dafür schaffen (feste Zeiten, feste Rituale/Regeln). Gitterbetten, um das Aussteigen zu verhindern, werden in verdunkelten Zimmern eingesetzt. Die Kinder seien in guten Händen, das Pflegepersonal kümmere sich während der Nacht. Die Kinder werden über Nachtsicht-Kameras videoüberwacht. Eltern ist das Betreten der Schlafzimmer nicht gestattet. Zur „Warnung“ werden Becher mit Bestecken auf die Türklinken gestellt, damit das diensthabende Personal unerlaubte Besuche mitbekommt. Weint ein Kind, geht jemand vom Pflegepersonal mit einer Taschenlampe ins Zimmer. Ob und wie das Kind getröstet wird, bleibt unklar. 

Bei Kindern, die sich zu Hause durch Spielzeug vom Schlafen ablenken lassen, wird die Schlafumgebung im Spielzimmer simuliert. Das Bett wird meines Erachtens in die „Mäuseburg“ geschoben, in der am Tag das Trennungstraining stattfindet.

Das „Schlaf-Training“ wird als erweitertes „Trennungstraining“ aufgefasst.

Auf mein Wort: Das klassische und ähnlich beschaffene Schlaftraining nach Ferber wurde meines Wissens als Notlösung entwickelt, und die gezeigten Familien befinden sich in Notsituationen (bei manchen empfinde ich es im Film eindeutiger dargestellt, bei anderen kann ich das Ausmaß der Notlage schwieriger einschätzen). Es mag allemal besser sein als dass überforderte Eltern ihren Kindern etwas antun. Dennoch: Diese Ausnahmesituationen werden im Film nicht deutlich gekennzeichnet, sondern die Methodik kehrt – wie schon mit Büchern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ – jedem zugänglich in den regulären Familienalltag ein. Auf mögliche Risiken[9] https://www.kinder-verstehen.de/?submit=Suchen&s=Schlaftraining wird nicht hingewiesen. Zumal das Gelsenkirchener Schlaftraining die Komponente des elterlichen Trosts zusätzlich eliminiert.

„Demonstrative Hilflosigkeit“ & emotionale Distanzierung

Das Kind nutze die Strategie der „demonstrativen Hilflosigkeit“, um „Aufmerksamkeit zu erheischen“. „Je mehr ich mich kümmere, desto mehr macht er Theater“. Machtkämpfe seien aus Sicht des Kindes besser. Man könne ihnen mit Auszeiten begegnen. „Demonstrative Hilflosigkeit“ sei noch besser, denn „keiner verletzt sich“.

Das Kind dürfe „alles“. Ob es etwas tue, sei seine Entscheidung, z.B. etwas „Richtiges“ zu essen oder nichts zu essen.

Ein Kind, das sich unerwünscht verhält, z.B. soziale Interaktion mit einer ihr fremden Person ablehnt und nicht spricht, wird ignoriert. Die Betreuungsperson beschäftigt sich mit einer oder verschiedenen Tätigkeiten. Sie befindet sich mit dem Kind für bestimmte Zeit (Stunden? – während mehrerer Tage) in einem Raum. Das Kind muss Kontakt mit der Person aufnehmen, nicht umgekehrt, egal, wie lange es dauert. Die Person beschäftigt sich nicht, um das Kind abzulenken, sondern muss dies „ganz für sich“ tun. Letztlich fordert die Beschäftigung heraus, dass das Kind auf die Betreuungsperson zukommt. Das Kind werde versuchen, durch „demonstrative Hilflosigkeit“ auf sich aufmerksam zu machen. Traurig-theatralische Blicke, apathische Unbeweglichkeit, Reglosigkeit, scheinbare Verwirrung würden zu diesem Repertoire gehören. Nach neugierigen Blicken käme das Kind dann schlagartig auf die therapierende Person zu. Es folge die Reproduktion der Handlung durch das Kind (imitiert das Beobachtete). Soziale Interaktion finde plötzlich statt und man beobachte, dass sich das Kind alle Details gemerkt habe. Eltern seien aufgrund des erhöhten Stresslevels selbst nicht zu solchem ignorierenden Verhalten in der Lage. Sie seien zu emotional.

Auf mein Wort: Kurz zum Kommentar der Auszeiten: sie sind (leider) noch immer gebräuchlich, aber aus unterschiedlichen Gründen[10]https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/06/auszeiten-warum-die-erziehungsmethode.html weder zeitgemäß noch angemessen. Während ich die „demonstrative Hilflosigkeit“ des Kindes für eine Übertreibung, Simplifizierung und Unterstellung halte, für eine Verkleidung eines eigentlichen, differenzierten Kerns (z.B. Kommunikationsversuche, Suche nach Authentizität, Bitte um Wahrnehmung der Bedürfnisse, Wunsch des Gesehenwerdens etc.), kann ich das demonstrative Ignorieren des Kindes durch die Erwachsenen nicht gutheißen, da dies für mein Verständnis einem emotionalen Entzug gleichkommt.

Opfer – Verfolger – Retter

Das Kind „kann mich kurzfristig aktivieren, auch wenn es langfristig eins auf den Deckel bekommt.“ Der Teufelskreis des Opfer-Verfolger-Retter-Prinzips verstärke sich von selbst, je mehr man versuche, das „Opfer“ und damit sich selbst zu erlösen. Er wiederhole sich in wechselnden Rollen. Um den Kreis zu durchbrechen, dürfe man nicht weiter auf die Signale des Kindes eingehen, müsse also die „Verfolgungsjagd“ zur Erfüllung der Wünsche weglassen, um langfristigen Erfolg zu erzielen.

Auf mein Wort: Es liegt in der Verantwortung der erwachsenen Person, sich aus der Opferrolle (auch im Allgemeinen) hinaus zu begeben. Die eigenen Grenzen zu kennen, sie sich einzugestehen und die eigene Integrität zu wahren, ist hier ihre Aufgabe. Dies würde bedeuten, echte Verantwortung zu übernehmen. Dem Kind pauschal seine Wünsche zu verweigern und darüber hinaus keine Ursachenforschung zu betreiben oder angemessene Lösungsstrategien zu erarbeiten, halte ich für einfach und wahrscheinlich wirksam, aber destruktiv und zu wenig differenziert.

Auf mein Wort: Wahrheit

Die auf die beschriebenen Theorien begründete Methodik ergibt ein in sich geschlossenes und zunächst durchaus glaubwürdiges System. Zwischen „wissenschaftlich anerkannt“ und „umstritten, wissenschaftlich nicht anerkannt“[11]https://de.wikipedia.org/wiki/Gelsenkirchener_Behandlungsverfahren liegt anscheinend ein schmaler Grat. Was nun, wenn man die abgebildete Wahrheit in Frage stellt, sie vielleicht sogar widerlegt und um essenzielle Zusätze ergänzt? Was bleibt dann noch übrig?

Manche Argumentations-Fragmente erkennen nach meinem Wissen auch Vertreter der Bindungstheorie wieder. Zumindest suggerieren beispielsweise Buchtitel wie „Nein aus Liebe“, „Grenzen. Nähe. Respekt“ oder „Leitwölfe sein“ oder einzelne Zitate von Jesper Juul, die aus dem Kontext gezogen wurden, ähnliche Ansätze. Tatsächlich wurde der Film sogar mit Juuls Namen beworben[12]https://www.filmdienst.de/film/details/562010/elternschule#kritik („wer ihn mag, mag auch …“), was – auch seitens Juuls eigener Organisation – zu heftigem Protest führte. Dass hier konträre Rückschlüsse in der Methodik stattfinden und gemeingültige Argumentationen auf eine bestimmte Art und Weise ausgelegt werden, die dem von Stemmann und Langer begründeten System am zuträglichsten ist, fällt wohl unter „Interpretationsfreiheit“. Was ich sehe, ist, dass der Film der modernen Bindungstheorie nicht im Geringsten gerecht wird, sie größtenteils nicht (explizit) erwähnt und im Gegenteil ihre Ansätze als schädlich auslegt. Inwieweit die „Wahrheit“ des Films bzw. des klinischen Programms einer realen Wahrheit entspricht, müssen die entsprechenden Fachleute und Gremien abschließend einschätzen. Wer den Film sieht, sollte für sich selbst prüfen, in welchem Maße das Gezeigte mit den eigenen Wertvorstellungen kohärent ist und ggf. inwieweit die eigenen Wertvorstellungen dem familiären Alltag überhaupt (noch) zuträglich sind.

Die vorgestellte Theorie und Methodik knüpft an ein Verständnis von Erziehung, Wissenschaft („Wissenschaft“?) und ein Menschenbild an, das aus vergangenen (und u.a. äußerst dunklen) Zeiten stammt und das wir längst hätten hinter uns lassen sollen.

References

References
1, 8 D. Langer im Film
2 „In der Natur ist ein Kontaktverlust zur Familie/Herde meist tödlich, daher ist dieser Konflikt sehr bedeutsam! Von der Herde getrennt oder als Kind von der Mutter getrennt zu sein, bedeutet quasi den sicheren Tod. Deshalb kann sich ein Individuum einen Fehler in diesem Bereich im Prinzip nicht ein einziges Mal leisten.“ aus: http://drrykegeerdhamer.com/de/index.php?option=com_content&task=view&id=58
3, 4 Frau Grühn während der Teambesprechung
5 siehe https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/05/trotzphase-umgang-mit-wutanfallen-in.html
6 siehe https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/03/empathie-wann-und-wie-erwerben-unsere.html
7 Mehr dazu: https://www.kinder-verstehen.de/aktuelles/elternschule-ein-rueckblick/
9 https://www.kinder-verstehen.de/?submit=Suchen&s=Schlaftraining
10 https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/06/auszeiten-warum-die-erziehungsmethode.html
11 https://de.wikipedia.org/wiki/Gelsenkirchener_Behandlungsverfahren
12 https://www.filmdienst.de/film/details/562010/elternschule#kritik

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